Wort für den Tag

Liebe Leser, liebe Leserinnen!

Der neue Weg
Pilgern ist aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus wieder modern geworden. Eine Sehnsucht ist bei vielen, die sich auf den Weg machen, besonders deutlich: Das Wesentliche, also den Sinn des Lebens, zu finden und zu leben. Auch und gerade in diesen schwierigen das Leben bedrohenden Zeiten!

Aufruf zum Pilgern
„Kommt und seht“, „folget mir nach“ – das sind zwei von vielen Einladungen Jesu, sich mit ihm auf den Weg zu machen. Das Christentum ist schon deswegen keine statische Religion; es ist eine Bewegung. Die ersten Christen nannten ihre Gemeinschaft den „neuen Weg“.
Der Christ ist ein Pilger. Gleich, ob er sich tatsächlich auf einen weiten Weg macht, um bei sich anzukommen, oder ob er die tägliche Herausforderung des Lebens als eine Pilgerfahrt – auch durch Krankheiten – ansieht. Festsitzen, sesshaft sein, das war nicht die Sache Jesu. Solange wir nicht angekommen sind, müssen wir beweglich bleiben, unterwegs sein.

Einladung zur Wende
Wer sich auf den Weg macht, so oder so, muss sich verabschieden. Letztlich ist das ganze Leben eine Kette von Abschieden, oder es wird sklerotisch, verhärtet, ist bereits tot. Für die immer beliebter werdende Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela ist das eines der spirituellen Anliegen. Der Weg geht nach Westen, ans „Ende der Welt“. Westen ist der Untergang. Wenn der Pilger durch viele Abschiede hindurchgegangen ist, wenn das Alte abgestorben ist, wendet er sich dem Osten, dem Aufgang, der Auferstehung zu. 

… auch für das Christentum
Abschied muss immer mit der Ermutigung verbunden sein, einen neuen Weg zu gehen. Das Christentum steht vor einer doppelten Herausforderung. Es muss zu seinen eigentlichen Quellen finden, also zu seinem Kern. Zugleich muss es Abschied nehmen auch von seiner bisherigen  Gestalt. Sonst kommt es zum Stau, zum Stillstand, der bereits vielerorts beklagt wird. Das Evangelium muss in den Kleidern von heute verkündigt werden. Jesus hat nicht gesagt: „Feiert die Vergangenheit“, sondern: „Tut das zu meinem Gedächtnis.“

Tägliches Einüben
Das Gedächtnis beinhaltet den Abschied, den Jesus durch seinen Tod an einem ganz entscheidenden Punkt genommen hat. Es muss Neues kommen und entstehen – sagt er selbst – durch den Geist Gottes. Dieses Abschiednehmen fällt uns schwer. Lieber behaupten wir, es gebe unlösbare Probleme, um uns nicht auf den Weg machen zu müssen. Pilgern ist das Einüben in den Abschied. Mit jedem Schritt muss Abschied genommen werden, sonst gibt es kein Vorwärtskommen. Das Ziel bleibt dann unerreichbar, an eine Wende wäre nicht zu denken. „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes“ (Lk 9,32).

Menschen sehnen sich nach Sicherheit und Stabilität, auch in der Religion. Das schafft Festlegungen, lässt Bauten entstehen, legt Wert auf feste Glaubenssätze – und vor allem: Es spricht die Vergangenheit heilig und hat Angst vor Ungewohntem und Neuem.

Wir können es nicht oft genug sagen: Jesus hat eine Bewegung ins Leben gerufen. Wer wie unsere Kirche diese Bewegung am Leben erhalten will, muss den Abschieden voraus sein. Die Glaubwürdigkeit unserer Kirche beruht nicht in erster Linie auf ihren stabilen Lehrgebäuden, sondern schlicht in der Frage, ob sie mit den Menschen unterwegs ist.
Mensch und Erde sind es wert, der Anfang des Himmels zu sein, gerade in der Bedrohung. Doch ohne Abschied bleiben die Türen des Himmels verschlossen.
AMEN.

Seien Sie herzlich gegrüßt! Gott behüte sie!
Ihr Karl Georg Marhoffer

Die nächste Kurzandacht erscheint Mittwoch, dem 09.04.2020.