Wort für den Tag

Chère lectrice, cher lecteur!
Le résumé en français suit la version allemande.

Epheser 5, 1-9

Es ist immer wieder beeindruckend, wie Menschen aus bedrückender Dunkelheit, aus schweren Lebensumständen heraus neue Wege der Hoffnung finden, wie Menschen in großer Not und Verzweiflung unglaubliche Fähigkeiten und Kräfte entwickeln.

Und es ist vielleicht nicht überraschend, aber doch wichtig zu erinnern, dass der Glaube dabei eine wichtige, eine gute Rolle spielen kann.

Von diesem Weg aus der Finsternis ins Licht, davon erzählt auch der Epheserbrief:
1 Folgt nun dem Beispiel Gottes als geliebte Kinder,
2 und führt euer Leben in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer für Gott, als ein lieblicher Wohlgeruch.
3 Unzucht aber und jede Art von Unreinheit oder Habgier soll bei euch nicht einmal erwähnt werden – so schickt es sich für die Heiligen -,
4 auch nichts Schändliches, kein törichtes Geschwätz und keine Possenreisserei, was sich alles nicht ziemt, hingegen und vor allem: Danksagung.
5 Denn dies sollt ihr erkennen und wissen: Keiner, der Unzucht treibt oder sich verunreinigt oder der Habsucht erliegt – das hiesse ja, ein Götzendiener sein -, hat Anteil am Erbe im Reich Christi und Gottes.
6 Niemand betrüge euch mit leeren Worten! Denn eben das ist es, was den Zorn Gottes über die Söhne und Töchter des Ungehorsams kommen lässt.
7 Habt also nichts zu schaffen mit ihnen!
8 Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts
9 – das Licht bringt nichts als Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor –

  1. „Du bist ein Kind des Lichts!”

Erst einmal kann jeder Mensch das sein. Das ist die große Zusage des Epheserbriefes an alle! Die Zusage womöglich für die, die eine lange Zeit ihr Leben als bedrohlich und dunkel erfahren haben. Die Zusage an Christen, die der Verfolgung ausgesetzt waren; Die Zusage an Menschen, denen eine sinnvolle Lebensperspektive abhanden gekommen ist; Die Zusage an Menschen, die mit einer schweren Krankheit oder einer unklaren Diagnose leben müssen.

  1. Durch die Dunkelheit hindurch

Das Leben kennt – leider Gottes – viele dunkle Täler, und dunkle Wegstrecken. Auch der Glauben hilft einem nicht einfach darüber hinweg. Aber er führt mich durch das dunkle Tal, wie es im Psalm 23 heißt („Der Herr ist mein Hirte”). „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.”

Das ist, liebe Gemeinde, ein großer Unterschied. Ich werde nicht einfach über das dunkle Tal hinweg getragen. Ich wandere hindurch. Aber eben nicht allein.

Gott ist an meiner Seite. Das ist ein wichtiger Zuspruch des Glaubens. Und es ist gut zu wissen, dass es ein Ziel gibt – auch jenseits der Pandemie. Dass es lohnt zuwandern auf das Ziel hin: Gesundheit, Glück, Vertrauen, Hoffnung, inneren wie äußeren Frieden.

Der Epheserbrief fasst dies in die für uns heute etwas abgestandenen, barock klingenden Worte „lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit”.

  1. Der Komponist

„Denn ihr wart früher Finsternis, nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.” (Eph 5,8) Im „Einblick“ ist ein Artikel über ihn zu lesen. Ich möchte von dem Menschen erzählen, der den Weg aus der Finsternis zum Licht zum eigenen Lebensbekenntnis gemacht hat. Ein in vielfacher Hinsicht ein sehr einsamer Mann, der Weltruhm erlangt hat. Sie kennen ihn!

Dadada-daaaaaa!

Genau: Ludwig van Beethoven. Das letzte Jahr war ein „Beethoven-Jahr“. Wir gedachten seines 250. Geburtstages. Beeindruckend ist, wie Beethoven trotz zunehmender Taubheit ein solches, uns heute immer noch berührendes Werk komponiert hat.

„Ich habe mit Musik mein Leiden in Hoffnung verwandelt.” Dieses Motto schrieb sich Beethoven selbst ins Stammbuch, in sein Konversationsheft, indem er für sich zentrale Gedanken sammelte.

Beethoven litt an seiner zunehmenden Taubheit so sehr, dass er darüber nachdachte, sich das Leben zunehmen. Dazu kamen andere schwere chronische Erkrankungen. Vor allem die Einsamkeit des taub werdenden Menschen setzte Beethoven, der an sich ein sehr geselliger, eben rheinischer Typ war, hart zu.

Es war die Musik, die gerade uns im Gottesdienst so viel Zuspruch, Trost und Hoffnung gibt, und die Beethoven am Leben hielt. Das Musizieren, vor allem das Komponieren gab ihm die Kraft zu leben – trotz aller Taubheit und Einsamkeit. Beethoven-Forscher sagen: Wo andere Menschen Morphium nahmen, nahm Beethoven die Feder und komponierte.

  1. Beethoven: der fromme Sucher

Ob für Beethoven die Musik zu einer Art Ersatzreligion geworden sei? Ich halte das für nichtzutreffend. Sicher hat Beethoven, katholisch getauft, jede Form von kirchlicher Bevormundung entschieden abgelehnt. Schon zu Bonner Zeiten hat er die konfessionellen Grenzen weit hinter sich gelassen.

So wurde der reformierte Neefe, seiner Zeit Hoforganist des Kurfürsten als sein Lehrer engagiert. Beethoven hat selbst in größter Not viel Zuspruch aus dem Glauben geschöpft, übrigens auch aus evangelischer Frömmigkeit.

In seiner Hausbibliothek hat er ganze Passagen aus dem Buch des frommen lutherischen Theologen (Christoph Christian Sturm)angestrichen, Passagen, die ihm wichtig waren. Als Beethoven wieder einmal in Not war, zitierte er Sturm: „Gelassen will ich mich allen Veränderungen unterwerfen und nur auf deine unwandelbare Güte o Gott, mein ganzes Vertrauen setzen. Sey mein Fels, mein Licht, ewig meine Zuversicht.”

Beethoven hat im Vergleich zu Bach und Mozart nur wenig Kirchenmusik komponiert. Die wohl berühmteste Arie seiner einzigen Oper „Fidelio“ aber ist ein tief berührendes Gebet. „Gott, welch Dunkel hier” heißt die Arie. Sie ist ein musikalisches Flehen zu Gott, ein Hilfeschrei aus Verlassenheit und Einsamkeit gerettet zu werden.

Beethoven war religiös, obgleich nicht frömmelnd. Er suchte Gott aber gerade nicht in der Kirche, sondern mitten im Leben, auch in der Natur, wo Gott ihm oft näher war. Eine nicht unpopuläre Vorstellung – auch heute.

  1. Dissonanzen und Harmonien

Beethovens Kompositionen berühren gerade durch dieses enge Miteinander von Dunkelheit und Licht, musikalisch gemalt in Dissonanzen und Harmonien. Die „Freude schöner Götterfunken” beginnt mit langen, wenig harmonischen Passagen, die erst im Schluss, wenn der bekannte Chor einsetzt, sich in dieser wunderbaren „Ode an die Freude” entlädt.

Aus der Dunkelheit ins Licht.

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
himmlische, dein Heiligtum.

AIIe Menschen werden Brüder (und sicher auch Schwestern).Der Weg dorthin ist nicht leicht. Die Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung fällt nicht einfach in den Schoß.

Es ist ein zuweilen harter Weg von Höhen und Tiefen. Zwei Dinge gehören fest dazu und davon erzählt der Epheserbrief:
1 – Widerstände müssen überwunden werden. Das Leben ist ein Ringen um neue Erkenntnis und Verständnis, um Liebe und Glück.
2 – Man braucht ein Ziel. Ansonsten ist alles Ringen vergeblich. Ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt –trotz aller Rückschläge, trotz aller Zweifel, trotz aller Behinderungen (Bei Beethoven war es die fast völlige Ertaubung),denn ohne ein Ziel vor Augen verliert man die Kraft auch auf den besten Wegen.

Das Leben im Licht ist dieses Ziel. Die Aussicht auf Vollkommenheit, heute würde man sagen: Glück.

Doch dieses Leben im Licht, das uns Christen nach Vorstellung des Epheserbriefes auszeichnen soll, ist nicht zu haben, ohne dass ich mich den dunklen Passagen meines Lebens stelle.

Der Epheserbrief zählt dazu:
Habsucht, Gier, Unzucht, also von Dingen, die abhängig machen und unfrei.

Ich lese darin die Aufforderung – eigentlich ist es eine fürsorgliche Bitte -,mich mit den Schattenseiten meines Lebens auseinander zu setzen: Wonach bin ich süchtig? Warum kaufe ich mehr, als ich eigentlich brauche? Was macht mich wirklich glücklich?

  1. Gaben des Lichts

Der Epheserbrief bietet noch eine zweite Einladung. Nämlich nach dem Licht zu fragen, das jede und jeder der Welt geben kann.

Bei Beethoven war es das Genie, das Geniale, zu komponieren. Welche Gabe habe ich? Welche Gaben ist es wert, gepflegt, entwickelt, gelebt zu werden?

Jeder Mensch hat mindestens eine Gabe, die guttut.

Wir sollen unser Licht ja nicht unter den Scheffel stellen! (Mt 5,14 f.) Verstehen wir die Worte aus dem Epheserbrief als Aufforderung, darüber nachzudenken!

  1. Unser Leben mit Vision

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium.
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt.
Alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

So heißt es im Text der neunten Symphonie. Was für eine Verheißung! Was für eine Vision!

Corona zermürbt. Wir fahren auf Sicht in einer dunklen Zeit, sind bisweilen deprimierend. Wir schauen aus dem Dunkel in das Dunkle.

Der Epheserbrief lädt uns ein, den Blick aus der Nacht in den Morgen zu richten. Hoffnung statt Depression!

Es gibt so viel zu komponieren an Liebe, an Mitmenschlichkeit, auch an Vergebung, an Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der

Schöpfung. Überlegen wir, wozu wir berufen sind!

AMEN