Wort für den Tag

Sonntägliche Predigt, Updates für gewöhnlich Montags gegen 10:00 Uhr.

Chère lectrice, cher lecteur!
Le résumé en français suit la version allemande.

Jeremia 23, 5-8
5 Sieh, es kommen Tage, Spruch des HERRN, da lasse ich für David einen gerechten Spross auftreten, und dieser wird als König herrschen und einsichtig handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. 6 In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, und Israel wird sicher wohnen. Und dies ist sein Name, den man ihm geben wird: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit! 7 Darum, sieh, es kommen Tage, Spruch des HERRN, da wird man nicht mehr sagen: So wahr der HERR lebt, der die Israeliten heraufgeführt hat aus dem Land Ägypten!, 8 sondern: So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Land des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie versprengt hat! Dann werden sie auf ihrem eigenen Boden wohnen.

Advent ist nicht gleich Ankunft.
Advent ist erst einmal Aufbruch.

Dieses Mal besonders. Die Pandemie hat uns durchgeschüttelt, gehemmt, gebremst und zermürbt. Noch längst nicht ist alles wieder gut. Viele tragen Trauer, haben Existenzängste oder sind erschöpft. Spätestens mit einer weltweiten Sicht wird überdeutlich, wie sehr die ganze Welt jetzt Aufbruch braucht.

Was uns bis heute fehlt: Das sind Sicherheit, Gesundheit, Recht und Gerechtigkeit. Und dass nicht allein Israel, sondern alle Menschen sicher sein können.

Alle Jahre wieder! Es ist so weit! Fernsehshows mit verschneiter Dekoration. Zwinkernde Weihnachtsmänner in lila oder rot. Lieder und Klänge, die sagen: Lass dich nieder. Genieße die Zeit. Mach es dir gemütlich.

Jeremia würde dazu sagen: Das kommt zu früh! Erst musst du mal losgehen! Brich also auf! Denn die Zeit, die vor dir liegt, ist noch nicht da. Sie kommt erst noch. Sie kann aber nicht kommen, wenn du bleibst. Nur wer aufbricht, kann hoffen! Und worauf richtet sich diese Hoffnung?

Darauf, dass Gott es am Ende gut fügen wird! Das ist die Erfahrung, die Israel mit Gott macht.

Gott rettet:

Durch die Arche überlebt die Schöpfung die Sintflut.
Gottes Segen für Abraham und Sara bewirkt: Sie werden Eltern.
Jakob und Esau begegnen sich wieder und ihr Streit findet ein Ende.
Josef landet zwar als Sklave in Ägypten, aber durch göttliche Fügung macht er dort Karriere. Er vergibt sogar seinen Brüdern.
Der Auszug aus Ägypten gelingt. Die Wüstenwanderung dauert 40 Jahre, aber schließlich kommen sie ans Ziel. Und selbst die Katastrophe des Exils nimmt ein gutes Ende. Sie kehren zurück in ihre Heimat.

Gott rettet:

Gott handelt in der Geschichte und er handelt zum Guten. Das zieht sich durch alle Erzählungen der Bibel. Und es wird erneut sichtbar in der großen Geschichte, die wir mit Advent verbinden. Da ist ein Spross, den Gott retten und erwecken will. Da wird ein Kind geboren. Ein König – ganz anders als alle bisherigen Könige. Einer, dem wir nicht nur die Türen und Tore der Welt öffnen sollen, sondern auch unser Herz.

Advent, das heißt: Ankunft.
Jetzt ist Zeit, aufzubrechen!

Mit Jeremia am Rand von Jerusalem

Vor vier Wochen haben die Besatzer alles herausgeholt, alles, was nicht niet- und nagelfest war: Die Leuchter, die Schriftrollen, die Lade. Das Allerheiligste war leer. Jetzt haben sie ihn geschliffen, gebrannt – den Tempel in Jerusalem, Gottes Statt, seine heilige Wohnung unter uns. Der Ort, von dem wir dachten, da treffen wir ihn. Da wartet er auf uns wie ein Licht in der Nacht. Der Ort, von dem wir dachten, von dort schaut er auf uns. Er ist einfach ausgelöscht, geschliffen und leer.

Jeremia hatte es kommen sehen: Die große Katastrophe. Er hat die Gefahr kommen sehen wie das Abendrot – Erst den blauen Himmel und dann die blutrote Glut und wie alles wechselte von schwarz zu violett – vergleichbar dem Vulkanausbruch auf La Palma – Ein Wintersturm. Ein Ausbruch klirrender Kälte.

Er hat gesehen, wie Übermut immer weiter um sich griff, wie Eigennutz Stimmung machte, wie die Herrschenden dachten: Uns kann keiner was! Das wird schon nicht so schlimm werden! Aber nun war es schlimm!

Die Großen des Landes deportiert.
Der Tempel zerstört.
Das Gebet wie ein einsamer Vogel, der kein Nest mehr hat.
Man könnte weinen, heulen, mit den Füßen trampeln. Aber was bringt das noch?

So war das, als Jeremia uns schreibt:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren wird. – Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen guten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande walten lässt.

Immer, wenn einer denkt, er hat die Macht, hat er seinen Nächsten nicht mehr im Blick.

Siehe, es kommt die Zeit. Ein Ausblick. Ein Traum. Jeremia steht auf den Trümmern des Königshauses Juda. Am liebsten würde er alles zubetonieren und begraben. Aber Gott lässt ihn nicht. Gott ist ein Gott des Lebens. Gott schaut mit ihm hinab in das Grab und ruft sein Volk heraus aus den Toten. Kommt, seht zu, kommt und lebt. Siehe, es kommt die Zeit.

Jeremia erzählt den Seinen von Gott. Von dem Gott, von dem sie lange nichts mehr hören wollten. Von dem Gott, von dem sie auch nichts mehr wissen wollten, weil sie dachten, wir wissen schon alles.

Jeremia sagt: Seht doch, seht, es kommt die Zeit, da werden wir uns wiedersehen, uns freuen. Weltweit sind wir verstreut, haben uns aus den Augen verloren. Aber Gott wird uns wieder zusammenführen. Gott rettet. Gott wird mitten unter uns sein.

Ein Ausblick. Endlich. Ein Traum? Und dies wird sein Name sein: „Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.“ Denn er wird auch uns herausführen und hinein in sein Reich. Und dann werdet ihr ihn anrufen: So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ – so werdet ihr ihn anrufen.

Ein Ausblick. Es ist kein Traum. Der Schmerz ist nicht endlos. Terror und Trümmer sind nicht das Ende. Unsere Geschichte mit Gott endet nicht hier, sagt Jeremia. Seht hin, macht eure Herzen auf, dass er einziehe, der König der Ehre. Der Gott, bei dem unsere Ehre und Gerechtigkeit wohnt.


Als Sofia aus Syrien in Dresden ankam, hatte sie nichts weiter dabei als einen kleinen Rucksack und sie, Rita, auf ihrem Arm. Rita denkt oft daran zurück. Den kleinen Rucksack hat sie behalten bis heute. Darin lag damals alles, die Bibel, das Handy, die Fotos, ein warmer Mantel und Wäsche für sie, für Rita, das kleine Kind. Sie waren aus Syrien geflohen. Rita weiß noch, wie ihre Mutter im Lager anstand für Kleidung, etwas Brot und die sehnlich erwarteten Ausweispapiere.

Siehe, es kommt die Zeit. Sie weiß auch noch, wie dankbar ihre Mutter war, als es endlich hieß – Demokratie. Dann die ersten freien Wahlen. Endlich vorbei, hat sie gedacht, das Dunkel jedweder Tyrannei.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr.

Es ist eine Kunst, nicht zur Bestie zu werden, wenn man mit Bestien kämpft.

Es ist eine Kunst, nicht zum Moralapostel zu werden, wenn man Regierungen fallen sieht durch Eitelkeit, Egoismus, Größenwahn.

Es ist eine Kunst, sich immer wieder an die Trümmer und Gräben hinzustellen und zu sagen: Komm mit auf den Weg, auf den Weg, der ins Leben hinführt!

Es kostet Kraft und es geht nicht ohne Gott, ohne den festen Glauben daran, dass es noch etwas Größeres gibt.

Jeremia richtet die Seinen. Er richtet sie und er richtet sie wieder auf und aus – hin auf diesen Gott. Er malt ihnen Gottes Gerechtigkeit vor Augen inmitten ihrer Selbstgerechtigkeit.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr. Seht, so wird es sein und bei Gott wird Platz für alle sein.

Starke Bilder: Der Herr wird unsere Gerechtigkeit sein. Das wunde Herz, das solche Sätze sagt und endlich ablässt davon, so zu tun, als wäre man selbst der starke Mann, als könnte man das ganze Land regieren.

Das wunde Herz: vulnerable, klug und fromm, das sich hinflüchtet, hinwendet zu Gott, ihm die Türen aufmacht, auf dass Gott einziehe mit seinem Recht und seiner Gerechtigkeit.

Jeremia hat diesen Gott gesehen. Jeremia hat Gott geschaut im Gebet und auch wir haben diesen Gott gesehen. Er wird zu uns kommen, auf einem Esel, im Kind, im Stall, auf der Flucht. Denn Gott ist auf der Flucht – hin zu uns. Immer auf dem Weg – hin zu uns.

Er wird uns den Tisch decken mit seinem Recht und seiner Gerechtigkeit. Für Sofia und Rita, er wird unser Herrscher sein. Unser Richter, Retter, Erlöser.

AMEN