Wort für den Tag

Chère lectrice, cher lecteur! Le résumé en français suit la version allemande.

Predigt Hebräer 13,1-3

„Offen für alle – aus Tradition!“

So lockt die Stadt Erlangen Touristen, junge Familien, Fachkräfte aus dem Ausland. Und damit ist sie auf der Höhe der Zeit! Diversität ist heute gefragt: Die Verschiedenheit der Vielen, das Maximum an Toleranz.

Und es ist wahr: Erlangen, wie es heute da steht, verdankt sich einer Sternstunde der Toleranz Ende des 17. Jahrhunderts. Damals kamen Glaubensflüchtlinge aus Südfrankreich in das kleine fränkische Nest mit gerade mal 500 Einwohnern. Unter Lebensgefahr flohen sie, denn der Sonnenkönig wollte sie nötigen, zum katholischen Glauben zu konvertieren. Sie, reformierte Christen, Anhänger Calvins, nahmen die Strapazen eines monatelangen Fußmarsches bis nach Franken auf sich, mit nichts als der Hoffnungsgeschichte im Herzen, wie Gott sein erwähltes Volk aus Tod und Sklaverei rettet und ins gelobte Land führt.

In Erlangen gewährt ihnen der Markgraf von Bayreuth Christian Ernst Unterschlupf mitsamt unzähliger Privilegien:

  • eine eigene Kirche sollen sie bauen dürfen,
  • mitten in den lutherischen Stammlanden Frankens,
  • Selbstverwaltung, sogar Steuerfreiheit gehört dazu.

Und sie kommen zu Tausenden. Die Einheimischen sind bald eine verschwindend geringe Minderheit in der eigenen Stadt. Und haben alle Lasten zu tragen: jede Familie ist verpflichtet, den Flüchtlingen Platz zu machen in den eigenen vier Wänden. Ohne Gegenleistung.

1 Die Liebe zu denen, die euch vertraut sind, bleibe!
2 Die Liebe zu denen, die euch fremd sind, aber vergesst nicht – so haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.

Für alle hat sich dieser unglaubliche Kraftaufwand gelohnt. Die Einwanderer nehmen bald ihr mitgebrachtes Handwerk wieder auf. Unter ihnen ist ein berühmter Strumpfwirker und in null komma nichts wird Erlangen ein bedeutendes Handlungszentrum für diese Luxusartikel. Erlangen bekommt das Gesicht einer barocken Stadt mit reformierter und lutherischen Kirchen in engster Nachbarschaft.

Jemanden, den wir in unser Haus lassen, in unser Leben lassen, der unser Zusammensein entscheidend prägt und bestimmt, mit dem wir gewissermaßen ein liebevolles Miteinander pflegen, liebevoll umgehen und vertraut werden, weil wir sie oder ihn als einen Engel, als einen Boten empfinden.

Wie Engel …

Wenn wir von Engeln sprechen, dann ist es oft so, als ob wir von unbekannten Wesen erzählen, die es gar nicht gibt. Wenn wir von Engeln sprechen, von überirdischen Menschen, die wir uns erträumen oder erhoffen, die unser Leben auf wundersame Weise bereichern – verändern.

Manchmal bedienen wir uns der Metapher „Engel” oder „Bote“, um auf etwas aufmerksam zu machen, was uns bewegt und berührt, gerade wenn wir nicht verstehen können, dass wir dadurch unser Leben in anderer Weise empfinden und wahrnehmen.

Der Hebräerbrief gibt uns ein solches Rätsel auf, warum und wieso Engel unser Leben prägen und verändern können. Wenn wir Menschen beherbergen, die uns lieb und teuer sind, gute Freunde, dann freuen wir uns in der Tat meistens auf angenehme gemeinsame Stunden freuen. Wenn wir aber Menschen daheim beherbergen, die wir (noch) nicht kennen, dann aber kennen lernen, dann ist alles offen. Sie können uns zu Engeln, zu Boten werden. Sie sind uns vielleicht dankbar, dass wir uns ihrer angenommen haben in einer Zeit, wo sie selbst Halt und Boden unter den Füßen suchten.

Vielleicht wird es uns eines Tages genauso gehen: Wir erfahren Gastfreundschaft bei uns scheinbar Fremden und es entstehen neue und intensive Freundschaften, die ein Leben lang halten und unser Zusammenleben bereichern.

Just follow me!

Ein Beispiel: Vor nunmehr 41 Jahren war ich als Kindergottesdiensthelfer in meiner Kirchengemeinde zugange, den Kindern die Geschichte vom Kämmerer aus dem Morgenland zu erzählen, als sich ein junger Amerikaner in die hintere Bank setzte. Nach dem Kindergottesdienst kam er auf mich zu und lud mich zu Essen ein. Er sei neu in Europa und suche Kontakt zu gleichaltrigen Christen. Ob ich Zeit habe, mit ihm zu essen? Eigentlich war mein Sonntag „durchgetaktet“ und Zeit für ein Mittagessen mit einem jungen Luftwaffenpilot war nicht geplant. So lud ich ihn ein, mit mir nach Hause zu kommen, um in meinem Elternhaus zu essen.

„Ich war fremd, aber ihr habt mich aufgenommen” so sagt Jesus es in Matthäus 25,35.

Genauso habe er sich gefühlt. Unsere Freundschaft hält über 40 Jahre. Als Pilot kam er häufig. Und noch heute steht er unerwartet vor der Tür und wir freuen uns auf ihn!

„So haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt” –intensiver hätte ich damals die Bedeutung diese Zeilen nicht am eigenen Leib erleben können.

Flüchtlingsgeschichten und Toleranzgeschichten erzählen von der großen seelischen Kraft in uns Menschen. Von Heldenmut und Gottvertrauen, von Neugier und Zähigkeit. Und rühren alle an einen entscheidenden Punkt: an unsere Verwundbarkeit.

Oder wie es in den Psalmen heißt:

„Ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter; ich bin ein Gast auf Erden!“

Wir sind allesamt Fremdlinge und Gäste auf dieser Welt. Manche haben es ganz real selbst erlebt oder es steckt uns von unseren Vorfahren noch in den Knochen.

Leiden, darben, nicht dazugehören, sich fremd fühlen…Ich glaube, es ist auch möglich als innere Haltung. Sie ist dem möglich, der Halt in einem tieferen Sinn findet: nicht in seinem wirtschaftlichen Erfolg allein, nicht allein im Dazugehören um jeden Preis, vor allem nicht im Ausgrenzen anderer.

Wir Menschen können hier auf der Erde leben wie Gäste, denen nichts gehört, die alles empfangen und wissen, dass sie das Gastrecht nicht verletzen dürfen. Ich denke mit Grausen an die Straßenschlachten in Frankfurt und Stuttgart!

Was wir gewinnen, ist ein verwundbares Leben, ein endliches Leben, ein anvertrautes Leben.

„Offen für alle – aus Tradition“ ist dann auch Ausdruck dieser geistlichen Haltung. Für die vielen Menschen, die heutzutage bei uns ein neues Leben suchen, wäre es hilfreich, wenn wir ihnen nicht in der Haltung der Besitzenden begegnen, sondern die Haltung eines Engels einnähmen und uns von der verwundbaren Seite zeigen.

Alle sind verletzlich

Wenn wir tapfer auf unseren Lebenswegen wandeln, weil wir getrost undvoller Zuversicht sein dürfen, dass wir niemals ganz allein gelassen sind, dann wissen wir in der Tat oft nicht, wer uns da begegnet und als Engelbegleiten wird.

Oftmals spüren wir es erst hinterher, dass es wohl ein Engelgewesen sein muss,der unser Herz froh und heiter gestimmt hat.

Viele Geschichten dieser Art sind in der Bibel dazu zu finden.

  • Engel besuchen Sarah im Zelt.
  • Engel kündigen die Geburt Isaaks an.
  • Ein Engel sitzt am leeren Grab, denn Jesus ist auferstanden.
  • Engel wandern die Himmelsleiter auf und ab, als Jakob auf dem Weg in die Versöhnung mit seinem Bruder Esau ist.

Und schließlich:

  • Der Erzengel Gabriel verkündet dem Priester Zacharias, dass seine Frau Elisabeth einen Sohn gebären wird, den sie Johannes den Täufer nennen sollen.

Alle Geschichten deuten auf eines hin: Es sind die verzagten und verunsicherten Menschen, die von Engeln aufgesucht werden. Es sind die Verletzten und Geplagten, denen Heil widerfährt. Sie beherbergen Engel bei sich, ohne es zu wissen. Sie lassen sich auf Fremde ein, die ihnen schließlich zu Freunden werden.

Auch uns könnte genau das passieren, dass für uns gänzlich unbekannte Menschen unser Leben auf einmal in entscheidender Weise prägen und auch verändern.

Menschen, die wir kennengelernt haben, die uns in einer Arbeitsstelle begegnet sind, die wir in unser Innerstes schauen lassen, weil wir Vertrauen haben, dass sie uns nicht schaden werden. Und diese Erfahrung können wir immer wieder machen. Weil Gott uns diese Engel schickt, weil Gott weiß, was und wen wir wann brauchen.

Spuren im Sand

Nun frage ich mich natürlich, woher wir denn dieses übergroße Vertrauen in uns unbekannte Menschen entwickeln können, wer uns diese Kraft und diese Zuversicht schenken kann.

Mir hilft in diesem Zusammenhang diese kleine Geschichte, die den Predigtgedanken, dass Gottes Liebe auch die scheinbar Fremden und Distanzierten erreichen kann, noch einmal auf seine Weise zum Ausdruck bringt.

„Als ich mit meinem Herrn am Strand unterwegs war und wir tief im Gespräch vertieft waren, da bemerkte ich auf einmal beim Blick zurück, dass auf vielen Streckenabschnitten zwei Fußabdrücke zu sehen waren, aber in den finsteren und schweren Tagen immer nur ein Abdruck. So fragte ich erstaunt, warum er mich ausgerechnet in den traurigen und belastenden Lebenstagen alleine gelassen hat, da immer nur ein Fußabdruck zu erkennen war. Zu meiner Überraschung sagte er folgendes: Denke nicht, dass du an den schweren Tagen in deinem Leben alleine warst, denn gerade dann habe ich dich getragen.”

AMEN