Wort für den Tag

Chère lectrice, cher lecteur!
Le résumé en français suit la version allemande.

Epheser 4, 22-32

22 Dass ihr ablegen sollt, was euer früheres Leben geprägt hat, den alten Menschen, der zugrunde geht wie die trügerischen Begierden!
23 Lasst einen neuen Geist euer Denken bestimmen, 24 und zieht an den neuen Menschen, der nach dem Willen Gottes geschaffen ist: in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit.
25 Darum: Legt ab die Lüge! Jeder von euch sage, wenn er mit seinem Nächsten spricht, die Wahrheit, denn wir sind ja untereinander Glieder.
26 Wenn ihr zürnt, versündigt euch nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, 27 und dem Teufel gebt keinen Raum!
28 Wer stiehlt, stehle nicht mehr, sondern arbeite und tue etwas Rechtes mit seinen Händen, damit er etwas hat, das er dem Notleidenden geben kann.
29 Kein hässliches Wort komme über eure Lippen, sondern wenn ein Wort, dann ein gutes, das der Erbauung dient, wo es nottut, und denen, die es hören, Freude bereitet.
30 Betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung hin!
31 Alle Bitterkeit und Wut, Zorn, Geschrei und Lästerrede sei verbannt aus eurer Mitte, samt allem, was böse ist!
32 Seid gütig zueinander, seid barmherzig und vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.

Wer soll denn das alles hinkriegen? Ist das nicht eine völlige Überforderung? So frage ich mich – nicht nur in der Corona-Krise! So viele Auflagen und Einschränkungen! Und dann noch Paulus mit seinen moralischen Vorschriften! Alle Bitterkeit und allen Zorn hinter sich zu lassen, kein böses Wort über die Lippen zu lassen, immer freundlich und herzlich zu sein – geht das denn? Und das gegenüber denen, die das Party-Feiern nicht sein lassen können? Die ihre Feier-Sucht über meine Gesundheit setzen! Welche eine Rücksichtslosigkeit!

Der ganze Abschnitt im Epheserbrief wirkte auf mich streng und wenig einladend. Im Laufe der Predigtvorbereitung entdecke ich jedoch, wie aktuell und auch hilfreich diese Worte sein können!

Legt den alten Menschen ab und zieht den neuen Menschen an – Mit diesen Gedanken – mit dem Bild vom An- und Ausziehen beschreibt der Epheserbrief das Leben jedes Christen.

Damals wurde das, was in der Taufe geschieht, symbolisch durch Kleider dargestellt: Vor der Taufe – vor dem Gang ins Taufbecken legt der Täufling – das waren in der Regel Erwachsene – seine alten, getragenen Kleider ab – und erhält nach der Taufe ein neues, weißes Kleid zum Zeichen seiner neuen Identität. Für ihn hat nun ein neues Leben begonnen.

Auch der verlorene Sohn (Luc 15) erhält nach seiner Rückkehr ins Haus seines Vater sein neues Kleid und einen Ring als Ausdruck für das neu geschenkte Leben.

Kleider lassen sich wechseln

In manchen Kleidern fühlen wir uns wohler als in anderen, in manche müssen wir auch erst hineinwachsen. Aber: den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anziehen wie ein Kleid? Geht das so einfach? Der alte Mensch ist der, der sich aufreibt in „trügerischen Begierden”. Der alte Mensch verdirbt und verkommt! Er wähnt sich unabhängig und frei, er verbraucht sich in der Sehnsucht danach, aus dieser Welt das Möglichste herauszuholen – wie der verlorene Sohn.

Der neue Mensch ist der von Gottes Güte ein für alle Mal völlig neugeschaffene Mensch (V. 24). Er gehört zu Gott – so wie der verlorene Sohn ins Haus seines Vaters gehört.

Diese Zusage wird auch nicht dadurch außer Kraft gesetzt, dass der verlorene Sohn sein Erbteil vergeudet und damit die Altersversorgung seines Vaters aufs Spiel setzt. Gott hält an ihm fest. Bestimmt wird der Sohn immer einmal wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Doch er gehört ins Haus seines Vaters. Dort ist sein Zuhause!

Auch wir sind durch unsere Taufe neue Menschen – gehören zu Gott. Deshalb werden wir aufgefordert als neue Menschen zu leben. Offensichtlich ein Prozess, der ein Leben lang dauert. Das Hoffnungsvolle daran ist, dass Wandel und Veränderung möglich sind.

„Werde, was du bist in Christus” – so hat es der Theologe Barth einmal formuliert. „Werde, was du bist in Christus” Bei diesem Werden wird von uns nicht verlangt, dass wir fehlerfrei sind, sondern dass wir uns immer wieder ermutigen lassen zur Veränderung.

„Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.”

Es ist gut, dass der Zorn selber nicht verurteilt wird. Der Zorn ist eine seelische Reaktion auf erlittene Kränkungen und Verletzungen: Zorn mag angemessen sein, wenn wir Unrecht bemerken, das andere trifft. Zorn ist zunächst ein Aufschrei, ein Sich-Weigern, eine Kraft.

In diesen Tagen bin ich besonders empfindsam gegenüber Leugnern der Corona-Pandemie. Sehen denn diese nicht? Auch Jugendliche sind nicht davor geschützt! Und – wie ich dieser Tage las – ist eine Reinfektion auch möglich!

Diese Kraft „Zorn“ können wir zunächst im Guten nutzen, um Verletzungen zu verarbeiten, um neue Lösungen zu finden, um Situationen zu verändern. Leider geschieht häufig das andere, dass Menschen ihren Zorn zerstörerisch ausleben und sich und anderen schaden.

Zürnt ihr, so sündigt nicht – sagt der Epheserbrief. Zürnt ihr, so sucht das Gute mit aller Kraft, das, was hilft!

Wenn sich der verlorene Sohn eines Tages über seinen älteren Bruder – vielleicht sogar sehr berechtigt – ärgert, dann ist es gut, wenn er sich zurückzieht, den Ärger in sich anschaut und sich bewusst macht, wieviel Nachsicht und Güte er selber schon empfangen hat.

Mag sein Zorn – die Kraft seines Ärgers – sich wandeln in eine Kraft der Güte, so dass er zu seinem Bruder sagen kann: „Ich wünsche mir sehr, dass du das so und so machst. Ich öffne mich für deine Sicht. Und was auch immer du tust, du sollst wissen, du bist mein Bruder.”

Ein weiteres Mahnwort von Paulus:
„Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und dem, der es hört, Nutzen bringt.”

Wer kann das? Wer hat nicht schon über andere gelästert, seinem Herzen Luft gemacht? Diese Empfehlung erinnert an den Rat des griechischen Philosophen Sokrates, zu dem aufgeregt jemand gelaufen kam.

„Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen, wie dein Freund …”„Halt ein”, unterbrach ihn der Weise, „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siehe geschüttelt?“ „Drei Siebe?” fragte der Andere voll Verwunderung. „la, mein Freund, drei Siebe! Lass sehen, ob das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht?

Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?” „Nein, ich hörte so erzählen und …”

„So, so. Aber sicher hast du es dem zweiten Siebgeprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?” Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil!“

„Dann”, unterbrach ihn der Weise, „lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so erregt?” „Notwendig nun gerade nicht …” „Also”, lächelte Sokrates „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch not ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.”

Es ist beeindruckend, wie freundlich Sokrates das sagt, wie er Kritik so übt, dass sein Freund sie auch gut annehmen kann. Auch über seine Lippen kommt kein böses Wort!

Der Gedanke des Epheserbriefes geht sogar noch etwas weiter: Wir müssen nicht mit größter Anstrengung höchsten moralischen Ansprüchen genügen. Vielmehr sind wir eingeladen, in allem, was uns widerfährt, in Verbindung mit Christus zu bleiben. Zu spüren, wie sehr ich selber von der Nachsicht anderer und von Gottes Gnade lebe – so wie der zurückgekehrte verlorene Sohn!

Ein letzter Punkt: die Bitterkeit. Bitterkeit schadet, denn wenn ich bitter bin, fällt es mir schwer, Dankbarkeit und Freude zu empfinden. Bitterkeit ist die Folge von erlittenen Verletzungen. Bisweilen fehlt uns die Möglichkeit, etwas intensiv und lebendig zu beklagen und zu betrauern – dann weiß sich die Seele nicht anders zu helfen, als bitter zu werden. Ein Mensch, der bitter geworden ist, ist jemand, der zu wenig gesehen wurde. Wenn die verletzte Seele Mitgefühl erlebt, kann sie sich allmählich auch von der Bitterkeit lösen.

Ich bin überzeugt, Gott ist gütig, und er sieht jede Verletzung, die ein Mensch erleidet. Darüber hinaus ist es ein guter Weg, unsere Aufmerksamkeit auf die Dinge zu lenken, über die wir uns von Herzen freuen können! Die Samen der Freude zu pflegen, Dankbarkeit zu üben, das kann Bitterkeit vertreiben. Zorn wird zur Güte und Nachsicht, Bitterkeit zu Einsicht. Moral hilft zur Rücksicht und zum Einhalten der Corona-Vorsichtsmaßnahmen.

Es ist nicht einfach eine moralische Anstrengung, die von uns verlangt wird, sondern Gottes Kraft verändert, wenn wir ihr vertrauen.

AMEN