Wort für den Tag

Chère lectrice, cher lecteur!
Le résumé en français suit la version allemande.

Offenbarung 21,1-7

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
2 Und die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, sah ich vom Himmel herabkommen von Gott her, bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.
3 Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott.
4 Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen.
5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sagt: Schreib, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.
6 Und er sagte zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben, umsonst.
7 Wer den Sieg erringt, wird dies alles erben, und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein.

Ewigkeitssonntag: grau, trist, traurig!
Wir besuchen den Friedhof, stehen an den Gräbern unserer Lieben.
Wortlos, erfüllt von Trauer und Nachdenklichkeit.

Ich kann nichts. Ich weiß nichts. Ich will nichts.
Nichts, nichts, nichts! Keine Lust, keine Idee, keine Energie.
Ausgewrungen, ausgelutscht, ausgelatscht. Aus, aus, aus.
Alles banal und schal. Alles gesagt, alles schon mal gehabt.

Gute-Laune-Stimmen im Radio – ich schalte aus.
Mal etwas Anderes probieren?
Die etwas andere Methode, den etwas anderen Geschmack, das etwas andere Gefühl, das etwas andere Format, den etwas anderen Gottesdienst? Nein! Ich kann’s nicht mehr hören.  „Und jetzt das Wetter!“ – interessiert mich nicht.

Wenn ich mit dem Nichts verkehre, weiß ich wieder, was ich soll, hat Bert Brecht gedichtet. Falsch – ich weiß dann nicht, was ich soll. Ich laufe rum wie Falschgeld, fange Dinge an, lasse sie wieder liegen, hebe andere auf, nichts füllt die Leere.

Schön wäre es ja, sehr schön, wunderbar schön – wenn es denn so wäre, wie es uns diese anrührende Botschaft kund tut!

Heute ist Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt, an dem sich unsere Gedanken und Sinne auf die uns alle angehenden Themen „Leben“ und „Sterben“, „Vergänglichkeit“ und „Tod“ richten.

Auch werden wir nachher unserer Verstorbenen fürbittend gedenken: Anlass genug, zu trauern und zu weinen.

Das Tal der Tränen

Nicht ohne Grund redet unser Text von Tränen, die geweint werden! Mit guten Gründen redet er von Tod und Leid, von Klage und Schmerz, denn Trauer, Traurigkeit und Leid gehören zum Leben jedes Menschen.

Wir erinnern uns an das „finstere Tal” aus Psalm 23: Ja, es gibt wirklich ein „Tal der Tränen”, durch das wir Menschen immer von Neuem hindurchgehen müssen. Die Frage ist, ob und wie wir das können, ohne dabei zu scheitern.

Im Gottesdienst heute werden Erinnerungen an verstorbene Menschen wachgerufen: Ereignisse und Erlebnisse mit ihnen, Höhen und Tiefen, Schweres und Schönes, Besonderheiten und Eigenheiten; Erinnerungen an vieles, was sie uns bedeuteten, und wofür wir dankbar sind.

Mehr noch empfinden wir Trauer über den Verlust geliebter Menschen – Partner, Angehörige, Freunde, Nachbarn. Wir müssen uns der Tränen nicht schämen, die wir in unserer Traurigkeit weinen. Es rührt uns an, rührt uns tief innen an, dass alles vorbei sein soll:

Unwiederbringlich vorbei – die oft innige Verbundenheit mit einem Menschen – Mutter, Vater, Partner, Kinder.

Dabei überkommt uns auch die bittere Erkenntnis, dies oder jenes falsch gemacht – versäumt zu haben und nun keine Chance mehr zu haben, es wiedergutzumachen. Wahrlich Gründe genug, im Tal der Tränen zu trauern und zu weinen!

Und dann noch dies: Es geht auch um uns selber, um unser eigenes Leben und Leiden, um die Tränen für uns selber, um unsere Vergänglichkeit, unser Sterben und unseren eigenen bitteren Tod, von Leid und Schmerz und vom Durst nach Leben.

Es schmerzt uns in manchen Stunden, an manchen Tagen, dass unserem Leben ein Ziel gesetzt ist – das tut weh und bedrängt. Ängste und Sorgen vor möglichen Krankheiten und Leiden plagen uns – auch wir erleben das dunkle Tal der Tränen und der Trauer. Niemand kann und niemand wird dem entgehen. Es ist so, wie es ist!

Das Reich der Himmel

Unsere Gegenwart wird so nicht bleiben, wie es jetzt ist! Alles muss und wird sich von Grund auf ändern.
Alles wird neu: „Siehe, ich mache alles neu” – so hört der Seher Johannes den sagen, der auf dem Thron sitzt: Gott selber verheißt uns Zukunft. In bewegenden und berührenden Worten erzählt Johannes, was alles kommen wird, was er sehen wird. Es ist, als ob sich eine ganz und gar neue Welt öffnete und Raum in Fülle, ja in kosmischen Dimensionen entstünde.

Unsere alte Welt heute ist geplagt von Leid und Schmerz, von Sterben und Tod – eine ungeschönte Welt, in der Kräfte und Mächte unterwegs sind, die mit Gewalt und rücksichtslos ihre Herrschaftsinteressen durchsetzen wird. Und dies auf Kosten jener, die sich kaum oder gar nicht wehren können, die keine Lobby haben, die stumm und ohnmächtig leiden. Die alte Welt sieht so ganz alt aus, so alt, dass sie weg muss, verschwinden und vergehen muss!

Dann aber hat jemand anderes das Sagen: Derjenige ist Schöpfer und Erschaffer eines neuen Himmels und seiner neuen Erde. Dies allerdings geschieht auf und in seiner ihm eigenen, besonderen Weise: nämlich in der Zuwendung und der Zusage seiner erbarmenden Liebe und Gnade. Weil Gott Herr ist, ist Liebe am Werk, werden Geborgenheit und Nähe erfahren.

Johannes beschreibt also, wie sich Gott als „Herr” den Menschen zuwendet. Das mag uns tief innen anrühren – unsere Seele, unseren Geist, unseren Leib: Die Hütte Gottes, seine Wohnung, bei uns Menschen. Er wird bei den Menschen wohnen. Sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Er wird abwischen alle Tränen von ihren Augenund der Tod wird nicht mehr sein, auch kein Leid, noch Geschrei, noch Schmerz werden mehr sein. Das Erste ist vergangen und er, der auf dem Thron sitzt, spricht: „Siehe, ich mache alles neu!”

Dann erzählt Johannes weiter, was er zu sehen bekommt: Die heilige Stadt Jerusalem mit ihren kostbaren Grundsteinen und Toren, der Strom lebendigen Wassers, die fruchtbaren Bäume mit ihren heilsamen Blättern. Und Gott und das Lamm Jesus Christus in der Mitte.

Der Raum des Glaubens

Was uns der Seher Johannes berichtet, hört sich wahrlich gut an. Es ist den Zweiflern Balsam auf der Seele. Es ist wesentlich für unser heutiges Gedenken an unsere Verstorbenen, beim Nachdenken über unser eigenes Sterben, beim Blick auf unser eigenes Leben.

Die Realitäten unseres täglichen Lebens belasten uns spürbar genug und bedrängen uns – insbesondere in diesen Corona-Zeiten! Und unsere Ohnmacht in den Turbulenzen unserer Zeit und Welt macht uns hilflos!

Was kann dann diese Botschaft bedeuten und ausrichten? Wie kann sie wirksam werden?

Bedenken wir: Wie die Luft zum Atmen, wie das Licht zum Sehen, wie die Sonne zum Wärmen – so brauchen wir lebensnotwendend Raum zum Leben.

Rainer Maria Rilke bringt es in seinem Gedicht „Die Rosenschale” auf den Nenner: „… Raum brauchen – ohne Raum von jenem Raum zu nehmen, den die Dinge (rings) verringern …”. Woher solchen Raum zum Leben nehmen? Was könnten wir von uns aus dafür tun?

Wir fühlen uns oft genug bedrängt und eingeengt, geradezu eingeschlossen in und von unseren Ängsten und Sorgen, von Krankheiten, Leiden, und Vergänglichkeit. Wie dem entkommen? Woher den Raum gewinnen?

Es scheint mir, wir leben in gottesleeren Zeiten – vielfach abgeschnitten von den Quellen des Sinns, unempfänglich für heilige Geistkraft, alleingelassen mit uns selbst, uns selbst zu schwer geworden, unerlöst.

Wo soll der Heilige Geist noch wehen können, wenn alles vollgestopft ist?
Wo soll sein Feuer noch Sauerstoff finden?

Gottesleere: sie ist nicht der Zweifel, sie ist nicht der Atheismus. Die eigentliche, die viel gefährlichere Gottesleere ist die Überfüllung unseres Lebens. Sie ergreift auch die Kirchen, da, wo sie ihr Heil darin suchen sich vollzustopfen mit unzähligen, jetzt kommt wieder das Wort, Projekten, um nicht zu verlieren.

Wenn das Gefühl kommt „Ich kann nichts, ich weiß nichts, ich will nichts“: dann keine Ratgeber lesen!

Einfach mal Meister Eckhart hören: Aushalten. Keine Panik. Keine Angst vor der Leere. Keine Angst vor der Langeweile. „Mit dem Nichts verkehren“. Gott wird es füllen. Nicht sofort. Aber es kommt die Zeit.

David bekennt in Psalm 31: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum!” Da wird uns zugesagt, worauf es ankommt: Verheißungen öffnen den Blick für jene Perspektive, in der Raum entstehen und erfahren werden kann:

Gott schafft und schenkt uns Raum, weil er bei uns wohnen will und wir sein Volk sein werden; oder mit dem Text gesagt: Gott will und wird uns Durstigen von der Quelle des lebendigen Wassers geben – umsonst.

Glaube ist gefragt als unsere Antwort auf die Verheißungen und Zusagen Gottes.

AMEN