Wort für den Tag

Liebe Leserin, lieber Leser! 

Predigt 1. Mose / Genesis 2,4-7

Hauch des Lebens
Jeder Mensch interessiert sich für seine Vorfahren.
Wie weit lassen sie sich zurückverfolgen?
Woher komme ich?
Letztendlich: Wer bin ich?
Was macht mich aus?

Ich lade Sie ein, mit mir einem einzigen Aspekt der biblischen Schöpfungserzählungen nachzudenken.

Das Erste dazu ist kurz. Es sind die beiden allerersten Verse unserer Bibel.
Da heißt es: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“

Von Anfang an ist also Gott und sein Geist da. Bevor überhaupt etwas geschieht!
Hier schwebt, weht oder stürmt Gottes Geist über allem.
Sanft säuseln, leise oder sich kaum bewegend oder stürmisch brausend, diese Bandbreite umspannt das im Hebräischen gebrauchte Verb.

Das Zweite nun ist das Wichtige zu unserem Thema. Denn nach der Weltenschöpfung geht es im zweiten Schöpfungsbericht um die Erschaffung des Menschen.

Davon steht in 1. Mose 2,7, dass „Gott, der HERR“ den Menschen aus Staub von der Erde machte und ihm den Odem des Lebens in seine Nase blies. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“

Gott also nicht als der alte, untätige, abwartende Mann, der Mann mit Bart und weiß-grauem Haar, sondern Gott im Bilde eines Töpfers, der seinem Handwerk nachgeht.

Die menschliche Antwort darauf ist: „Deine Hände haben mich gemacht und bereitet …“ (Ps 119,73)

Mindestens etwas Doppeltes kommt in diesem 7. Vers des 2. Kapitels des ersten Buches Mose (Genesis = Schöpfung) zum Ausdruck.

Einmal ist da die enge Verbindung von Mensch und Erde zu sehen und zu hören.

Wie der Töpfer den Ton in seine Hände nimmt und ihn so lange formt, bis der Ton die Gestalt hat,  die den Vorstellungen des Töpfers entsprechen – so dürfen wir uns von Gott gewollt wissen.

„Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Äcker, Vieh und alle Güter beschert, mich mit aller Notdurft und Nahrung dieses Leibes und Lebens reichlich und täglich versorgt …“, so Martin Luther in seiner Erklärung des ersten Glaubensartikels.

Und in der Antwort zur Frage 1 des Heidelberger Katechismus heißt es:
Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele
im Leben und im Sterben nicht mir,
sondern meinem getreuen Heiland
Jesus Christus gehöre. Röm 14, 8 / 1. Kor 6, 19 / 1. Kor 3, 23

Darum macht er mich auch
durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss
und von Herzen willig und bereit,
ihm forthin zu leben. 2. Kor 1, 21.22 / Eph 1, 13.14 / Röm 8, 15.16

Unser Vers sagt uns nicht nur, wem wir uns letztlich verdanken,  sondern auch, was wir sind, nämlich Erdlinge. Im Hebräischen ist es unüberhörbar: adamah

Adamah ist die Erde und Adam ist das Wesen aus Erde – und auf Erden. Ein jüdischer Ausleger bringt es treffend auf den Punkt: „Der Adam bleibt der Adamah, der Erde,  sein Leben lang eng verbunden.  Sie ist seine Wiege, seine Heimat, sein Grab.“ (Gradwohl, Band 4, S. 38)
So hat Menschsein diese irdische Komponente. – Bleibend! Wörtlich übersetzt steht nämlich in der 2. Hälfte dieses 7. Verses über Adam, diesen Erdling: „Gott blies in seine Nase den Hauch des Lebens. Da wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“

Von Anfang an und durch die Zeiten hindurch  existieren wir Menschen von Gott her,   durch Gott und vor Gott. Ein steiler Satz von großer Tragweite!

Atheisten leugnen diesen Satz. Natürlich! Für sie existiert Gott nicht. Und wenn es doch einen Gott geben sollte,  dann spielt er für sie und ihr Leben keine Rolle.  Aber für unsere – die biblisch-christliche – Sicht des Menschen ist Gott elementar.

In den Bekenntnissen des Kirchenvaters Augustin lesen wir: „Unser Herz ist unruhig, bis dass es Ruhe findet in dir, o Gott.“

Dieser Gebetssatz drückt aus, dass der Mensch – bewusst-willentlich oder unbewusst – Gott sucht. Denn er gehört zu Gott, so wie der Atem, das Aus- und Einatmen,  das Menschsein erst möglich machen.

Lassen Sie mich es mit einem eher unbekannten Satz Augustins sagen. Aus nur drei Wörtern besteht dieser Satz: Homo desiderium Dei. Übersetzt: „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes.“  Und gleichzeitig: „Menschsein ist Sehnsucht nach Gott.“ Beides!

Deshalb zum Schluss etwas von der göttlichen Sehnsucht nach uns Menschen. Liebevoll hauchte Gott ihn im Schöpfungsakt an, so, wie ein Künstler liebevoll sein Kunstwerk betrachtet Erinnern wir uns: „siehe, es war [sehr] gut!“, Nach dem sogenannten Sündenfall lässt Gott Adam und Eva nicht einfach fallen. Nein, er sucht sie und fragt: „Adam, wo bist du?“ (Gen 3,9) Und Gott wird den Mörder Kain fragen: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (Gen 4,9)

Der Höhepunkt der Suche Gottes nach dem verlorenen Menschen findet sich in einem Gleichnis Jesu. In Luk 15 erzählt Jesus von Gott: dass dieser sehnlichst auf seinen weggelaufenen Sohn wartet. Als der Sohn zurückkehrt und noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn,  und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn“. (Luk 15,20) Unglaublich. Aber wahr! Das ist – der liebende und nach seinen Menschen sehnsüchtige  und sie deshalb suchende Gott! Ist das nicht ein gutes und schönes Ende für eine Predigt? Ja, das ist es!

AMEN