Wort für den Tag

Chère lectrice, cher lecteur!
Le résumé en français suit la version allemande.

1. Mose 50, 15–21

Erste Frage: Wer hat schon sein Testament gemacht?
Zweite Frage: Haben Sie darin wie üblich Besitz und Habe verteilt?

Ein Testament ist ein Zeugnis über das Leben. Was für eine Armut, wenn am Ende nur über ein Haus, das Mobiliar, Sparbücher und die Grabpflege gesprochen wird.

Was soll bleiben – übrigbleiben – vom Leben?
Was soll in Erinnerung bleiben?
Was ist aus den Träumen, mit den Idealen, mit den Erfahrungen geworden?
Was ist mit den Tränen, mit den Enttäuschungen und mit der Liebe geworden?
Was hat Bestand?
Was ist mit dem Glauben?

Genau darum geht es auch am Nationalfeiertag!

Was ist Tradition?
Was ist Teil der Kultur?
Was stellen Großherzog und Dynastie für uns dar?

Jeder Nationalfeiertag ist der Erinnerung wert, soll ein Testament sein – tausendmal wichtiger als Bauplatz und Sparbuch.

Viele kennen Josef und seine Geschichte -sozusagen die Erzählung vom Lieblingssohn Jakobs –von Josef, beneidet von den Brüdern, die ihn schnappen und nach Ägypten verkaufen, die den Vater mit seinen blutgetränkten Kleidern täuschen.

Jakob ist zu Tode betrübt.

In Ägypten macht Josef wider Erwarten politische Karriere, deutet Träume, erhält trotz aller Widrigkeiten einen hervorragenden Arbeitsplatz beim Pharao.

Wir kennen seinen guten Rat für die schlechten sieben Jahre Getreidekammern anzulegen und vorzusorgen.

Als dann in Israel Hungersnot ausbricht, schickt Jakob zehn seiner verbliebenen Söhne – Benjamin bleibt zu Hause – nach Ägypten.

Dort gibt es ein Hin und Her, Täuschung, Druck – nun von Joseph, dem Kämmerer, Schatzmeister und Finanzminister des Pharaos, den die Brüder nicht als ihren Bruder erkennen. Josef blockt. Nichts geht mehr!

Die Brüder müssen klein beigeben, sich fügen. Und noch einmal macht Josef den Brüdern Angst. Dann gibt er sich zu erkennen. Das führt dann Jakob, den sehr alten Vater, die Brüder und Josef wieder zusammen.

Jakob bleibt zwei Jahrzehnte in Ägypten, wünscht aber, nach seinem Tod „bei seinen Vätern“ bestattet zu werden. Er teilt seinen Söhnen das jeweilige Erbland zu und stirbt. Josef und seine Brüder bestatten ihn „in der Höhle auf dem Feld Machpela“ (V. 13), der Erbbegräbnisstelle von Abraham.

Das ist die Geschichte der Dynastie von Jakob und seinen Söhnen, so wie wir die Dynastie der großherzoglichen Familie kennen mit ihren Schicksalsschlägen und Verwundungen, sei es im staatlichen wie auch im privaten Kontext.

Lesung 1. Mose 50, 15–21

15 Und die Brüder Josefs sahen, dass ihr Vater gestorben war, und sie sprachen: Wenn nun Josef uns feind ist und uns all das Böse vergilt, das wir ihm angetan haben? 16 So ließen sie Josef sagen: Dein Vater hat vor seinem Tod geboten: 17 Dies sollt ihr zu Josef sagen: Ach, vergib deinen Brüdern ihr Verbrechen und ihre Verfehlung, denn Böses haben sie dir angetan. Nun vergib den Dienern des Gottes deines Vaters ihr Verbrechen. Josef aber weinte, als sie zu ihm redeten. 18 Dann gingen seine Brüder selbst hin, fielen vor ihm nieder und sprachen: Sieh, wir sind deine Sklaven. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr zwar habt Böses gegen mich geplant, Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu tun, was jetzt zutage liegt: ein so zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. 21 So fürchtet euch nicht! Ich will für euch und eure Kinder sorgen. Und er tröstete sie und redete ihnen zu Herzen.

Irgendwo in der Gegend des heutigen Tunesiens – in Nordafrika -haben vor Jahrzehnten Archäologen einen Grabstein gefunden. Darauf steht zu lesen –vor vielleicht 1700, 1800 Jahren in den Stein gemeißelt: „Hier ruht Dion, ein frommer Mann; er lebte 80 Jahre und pflanzte 4000 Bäume. “

Wer wünscht sich nicht, dass das Wesentliche eines Lebens – wohl nicht so lange, aber – wenigstens etwas Bestand hat?

Josefs Brüder haben Angst. Jakobs Wunsch war Vergebung für den betrogenen Bruder Josef durch seine Brüder, Versöhnung unter Brüdern.

Wir kennen den Streit unter Geschwistern beim Erben? Manche von uns aus eigener Erfahrung. Krimis, Dramen, Tragödien handeln davon.

Auch in der Bibel wird davon berichtet. Nichts wird beschönigt, nichts wird ausgeklammert. Die Bibel redet von Erfüllung und Enttäuschung, von Bewahrung und Gefährdung, von Zusammengehörigkeit und Einsamkeit, von Schwermut und Freude.

So stellen wir es uns wohl vor, wenn wir – bevor wir sterben – weitergeben, was sich durch eigene Leistung und Erfahrung angesammelt hat. Einer der wesentlichsten Wünsche ist doch, dass sich die Kinder vertragen, dass die Familie zusammenhält, die Gemeinschaft gepflegt wird und der Geist der Einheit bewahrt wird.

In der Erzählung von Josef folgen auf die Ernüchterung nach der Erbteilung mahnende Worte an die Brüder. Die Brüder sind voller Angst, werfen sich vor Josef auf die Knie. Dann die wesentliche Einsicht, die Annahme des Testaments: „Ihr habt Schlimmes getan, Gott wollte, dass unsere gemeinsame Zukunft gut sei.“  Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

Was Menschen auch tun, wie niederträchtig sie denken und handeln mögen, Gott weiß auch das Böseste zum Guten zu wenden.

Josef hat das an Leib und Leben erfahren. Was seine Brüder ihm angetan haben, Gott hat daraus eine Erfolgsgeschichte geschrieben.

„Ihr habt Schlimmes getan, Gott wollte, dass unsere gemeinsame Zukunft gut sei.“

Es ist ein Spitzensatz der Bibel aus dem Munde Josefs.
Er passt im Kleinen auf Josefs Lebens- und Leidensgeschichte.

Er passt im Großen auf die Geschichte Gottes mit den Menschen, lässt sich für Christinnen und Christen auf die ganz große Dimension von Kreuz und Auferweckung Jesu Christi anwenden.

Der Gott, der selbst ein Mensch wird, um uns zu zeigen, wie Menschlich-Sein geht, der wird von eben jenen Menschen verraten, verleumdet, bespuckt, beschimpft und gekreuzigt.

Doch Gott überlässt ihn nicht dem Tod, sondern schenkt ihm und allen das Leben. Darum geht es letztlich, ein großes Volk am Leben zu erhalten.

Und Josef spricht weiter:  So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Großartig diese Versöhnungsgeschichte! Die Versöhnungsgeschichte Josefs mit seinen Brüdern. Nach der großen Versöhnung kommt letzte Verfügungen, dann stirbt Josef. Die Versöhnung mit seinen Brüdern wird zum krönenden Höhepunkt im Leben des Aufsteigers. In seiner Vita – Lebensgeschichte spiegelt sich die große Versöhnungsgeschichte Gottes mit seinen Menschen wider.

Gott weiß auch aus dem Bösesten Gutes zu erwecken, erfahren wir bei Josef.

Auch uns möge diese Einsicht geschenkt werden, dass wir eines Tages mit einstimmen können in jenen Satz des Josef: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.

In Diskussionen sei es beim Erben oder über Fehlentscheidungenhöre ich immer wieder:
Wer hat Schuld?
Wer trägt Verantwortung für das jetzt eingetretene Dilemma?
Wer hat uns auseinandergebracht?

Josef hat dazugelernt. Er konnte nicht nur Träume deuten. Er hat Gottes Willen verstanden.

Dann ist der Nationalfeiertag mehr als eine Tradition, mehr als Brauchtum, mehr als Folklore, mehr als Parade und Feuerwerk, mehr als Straßenfest und Party.
Dann ist der Nationalfeiertag unser Testament, Anlass zur Besinnung, zur Wertebestimmung, auch Anlass zur Vergebung und zum Neuanfang.

Möge der Festgottesdienst zum Nationalfeiertag Teil dieser Wertebestimmung, Teil dieser Überlegung sein!

Wir beten:

Herr, unser Gott, wir kommen bei dir zusammen.
Wir bringen vor dich, was uns bedrückt und uns belastet
und wofür wir Verantwortung tragen.
Wir breiten vor dir aus, was wir falsch gemacht haben
und was wir anderen schuldig geblieben sind.
Wir wollen loslassen.
Erneuere unseren Blick auf uns selbst und auf die anderen.
Gib uns Mut zum Brückenbauen.
Schenke Volk und Land
Einsicht und Reflexion,
Weisheit und Weitsicht!

Behüte Souverän und Dynastie, bewahre Nation und Volk in ihrer Einheit, in ihrer Kultur und Freiheit!

AMEN