Wort für den Tag

Predigtupdates für gewöhnlich Montags gegen 10:00 Uhr.
Chère lectrice, cher lecteur!
Le résumé en français suit la version allemande.

Liedpredigt über eg 452,1-5/Jesaja 50.4-9

Liebe Gemeinde!

Wie sind Sie heute Morgen aus dem Bett gekommen?
Haben Sie sich gefreut auf diesen Sonntag; auf diesen Gottesdienst; auf die Begegnungen, die heute auf Sie warten? Oder sind Sie mit schweren Gedanken beladen aufgestanden?

  • beladen mit den schrecklichen Fernsehbildern des Vortages;
  • beladen mit dem Gefühl der Ohnmacht, weil alle diplomatischen Versuche im Moment scheitern, Russland an den Verhandlungstisch zu bekommen;
  • beladen mit vielen Fragen, wie wird es weitergehen mit unserer Wirtschaft, mit meinem Leben?

Schwere Gedanken und auch persönliche Sorgen können einen am Morgen ja geradezu ans Bett fesseln und man möchte am liebsten liegenbleiben. Der Morgen kann aber auch einen Zauber haben. Manchmal wache ich auf am Morgen, und Dinge sind klar geworden, die am Abend und in der Nacht verworren waren. Manchmal wache ich auf am Morgen und fühle mich ganz geborgen nach einer unruhigen Nacht. Gott öffnet das Ohr und redet. Aber wie, frage ich mich? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Gottes Stimme akustisch, äußerlich hören kann. Zumindest ist mir das noch nie passiert. Aber ich bin sicher, dass Gott zu uns redet, auf seine, andere Weise.

Der Morgen ist vielleicht eine bevorzugte Zeit, um diese Stimme Gottes zu hören und zu verstehen, denn am Morgen sind wir noch offen und aufmerksam. Da ist dieses Wort in meinem Kopf, vielleicht ein Bibelvers, eine Liedzeile, ein Zitat, das zu mir spricht und dem Tag eine Stimmung und eine Orientierung gibt. So könnte es sein, von Gott geweckt zu werden.

Und dann, nach dem Morgen kommt der Tag. Was da am Morgen geschieht ist ja mehr als nur ein Auftrag. Wir werden befähigt. Aus dem Hören kommt das rechte Reden mit den Menschen. Gelingen kann dies, wenn wir Worte finden, so dass er oder sie etwas von uns spüren kann, unsere Aufmerksamkeit, unsere Nähe, unsere Wertschätzung und Liebe. Da öffnet sich vielleicht ein Ohr und eine Seele. Manchmal.

Aber, da ist auch immer wieder die unerhörte, unfassbare Bosheit und Menschenverachtung, die uns tagtäglich entgegenschlägt. Bleibt dieses Elend und diese Schuld einfach so liegen? Muss da nicht noch mehr geschehen? Muss Gott nicht mehr tun als barmherzig zu sein und nah?

(Ja, es musste etwas geschehe. Für uns und zu unserem Heil wurde Gott ein Mensch, er lebte mit uns, starb wie wir und sprach uns zu, dass seine Auferstehung auch für uns gelten wird.)

Ich möchte jetzt im Folgenden unsere Gedanken von den Sorgen und den belastenden Bildern weglenken. Ich möchte unsere Gedanken hinlenken auf eine Wirklichkeit, die uns Kraft für diesen neuen Tag schöpfen lässt: auf Gott.

Wir singen gemeinsam die 1. Strophe von eg 452

Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr, Gott hält sich nicht verborgen, führt mit den Tag empor. Dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte, ist er mir nah und spricht.

Von Gott spricht das Morgenlied: “Er weckt mich alle Morgen”.Das Lied von Jochen Klepper eröffnet uns einen befreienden Blick auf den neuen Tag. Denn es öffnet uns den Blick für Gottes Frieden und sein wohltuendes Handeln für alle Menschen. Am Morgen stehen eben nicht nur die Sorgen mit auf. Vielmehr ist Gott es selbst, der uns einen neuen Tag schenkt und uns in seiner Treue auch durch diesen Tag begleitet. Nicht von dem, was wir heute alles tun müssen, singt dieses Lied, sondern von dem, was Gott alles für uns tut.

Jochen Klepper beginnt den neuen Tag mit dem Hören auf Gottes Wort. Für den Dichter, der in der schweren und bedrohlichen Zeit des 2.Weltkriegeslebte, ist das keine lästige Pflichtübung.Vielmehr hat er schon oft die Erfahrung gemacht, dass Gottes Worte ihm den neuen Tag in ein freundliches Licht gestellt haben. Durch das Lesen in der Bibel oder in den Losungen hat er erfahren:Der neue Tag ist Gottes Geschenk für mich.

So stellt Klepper immer seinen Tagebucheintragungen einen Bibeltext voran.Er bezieht sich für das Lied eg 452 dabei auf ausgesuchte Textzeilen aus Jesaja 50,4-9:

Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet.Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Er ist nahe, der mich gerecht spricht. (Jesaja 50,4b,5,7,8a)

Klepper schreibt dann noch:

Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön.Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.”

Wie unzählig viele Menschen vor ihm und nach ihm hat Jochen Klepper eine wesentliche Erfahrung gemacht:Die Worte Gottes sind von einer ganz besonderen Kraft.

Wir singen die 2. Strophe von eg 452

Er spricht wie an dem Tage, / da er die Welt erschuf.Da schweigen Angst und Klage; / nichts gilt mehr als sein Ruf.Das Wort der ew’gen Treue, / die Gott uns Menschen schwört,erfahre ich aufs Neue/ so, wie ein Jünger hört.

Jochen Klepper stellt den liebevollen Weckruf Gottes, mit dem er uns einen neuen Tag schenkt, in den Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt. So erzählt der erste Schöpfungsbericht:

Gott hat die Welt durch sein Wort erschaffen. Es heißt in 1. Mose 1.3:
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.”

Gott spricht. Dadurch schenkt er Leben. Gott spricht bis heute und dadurch schenkt er mir heute einen neuen Tag. Jeder Morgen ist so neu wie der erste Morgen der Schöpfung.

Liebe Gemeinde!Das ist doch sehr befreiend: Gott schenkt mir jeden Tag. Ich kann und muss also heute nicht mein ganzes Leben auf einmal gestalten.Nicht alle Probleme meines Lebens muss ich heute lösen.Jeder Tag ist neu. Jeder Tag ist einzigartig. Jeden Tag empfange ich aus Gottes Hand wie ein neugeborenes Kind. Am Morgen empfange ich aus Gottes Wort seine Ermutigung für diesen Tag.

Wer also gleichzeitig seine Vergangenheit und seine Zukunft schultern will, der überlastet sich in der Gegenwart gnadenlos. Denn, heute ist doch der einzige Tag, den ich wirklich gestalten kann. Ich kann ihn gestalten mit Gottes Hilfe, der mich Morgen für Morgen neu durch sein schöpferisches Wort anspricht. Wir haben es ja eben gesungen

“Das Wort der ew’gen Treue, / die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs Neue / so, wie ein Jünger ,eine Jüngerin hört.”

Und da frage ich mich doch: “Wie macht man das eigentlich:Hören, wie ein Jünger/eine Jüngerin hört?“ Das Wort “Jünger” steht im Alten und im Neuen Testament immer dort,wo man eseigentlich genauer mit “Lernender” übersetzen könnte.Das heißt: Wer Gottes Wort richtig hören will, der muss sich eingestehen, dass er ein Lernender ist. Wir haben die Wahrheit nicht für uns gepachtet – schon gar nicht vor Gott. Und das ist gut, wenn wir das wissen.

Denn mit unseren eigenen Gedanken und Weisheiten bleiben wir meistens nur bei uns selber stehen, bei unseren eigenen Leistungen, aber auch bei unseren Sorgen, bei unserer eigenen Hoffnung, aber auch Mutlosigkeit. Deshalb ist es ein großer Gewinn, wenn uns Gott schon am Morgen durch sein Wort bei der Hand nimmt und uns den neuen Tag eröffnet.

Es hat für mich etwas Befreiendes, wenn ich mir als Lernende eingestehen kann, dass mir Gott immer voraus ist. Deshalb kann mir Gott den Weg zeigen. Gott sieht immer weiter als ich, als wir.Das ist besonders tröstlich,wenn wir uns in unseren engen Perspektiven festgefahren haben.Das ist manchmal sicherlich unbequem, wenn wir im Lichte Gottes zugeben müssen, dass auch andere Meinungen gar nicht so falsch sind,gegen die wir mit unserer Dickköpfigkeit Sturm laufen.

Es kommt also darauf an, dass wir Gottes Wort mit einer Offenheit hören, so wie es Jünger und Jüngerinnen, beziehungsweise Lernende tun.Das war übrigens schon die Erkenntnis des jungen Martin Luther, der wusste, dass eine Reformation der Kirche nur durch ein echtes Hören auf Gottes Wort stattfinden kann.

Die dritte Strophe des Morgenliedes singt nun davon, dass ich mich dem Wort des schenkenden Gottes anvertrauen soll.

Wir singen nun gemeinsam die 3. Strophe

Er will, dass ich mich füge. / Ich gehe nicht zurück.Hab nur in ihm Genüge, / in seinem Wort mein Glück.Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm. Gott löst mich aus den Banden. / Gott macht mich ihm genehm.

Es ist gar nicht so leicht, Gottes Stimme herauszuhören;ihn zu “vernehmen” neben den vielen anderen Stimmen,die Tag für Tag unser Ohr erreichen wollen. Die Stimmen aus dem Radio oder aus dem Fernseher, die Geräusche von Autos, Flugzeugen, Zügen, die Musik vom Straßenfest, von Bauarbeiten usw.

Gott legt es offenbar aber auch nicht darauf an, die Geräusche unserer lautenWelt noch lauter zu übertönen. Nein! Sein Reden ist in der Regel so leise und so behutsam, dass ein Mensch es sehr wohl überhören kann. Gottes Stimme ist das absolute Gegenteil zu dem, was unsere heutige Sprache mit dem Ausdruck “zudröhnen” meint.

Gottes Worte dröhnen uns nicht zu, sondern sie locken und werben liebevoll. Gott spielt sich nicht auf wie ein Diktator, der -wie wir es gerade im Ukraine-Russlandkonflikt erleben-mit kriegerischen Mitteln für sein persönliches Verständnis von Recht und Ordnung sorgen will.Gottes Worte sind vielmehr wie die Klänge einer wunderschönen Musik, deren Reichtum sich uns eigentlich eher in der inneren Stilleerschließt.

Leider fehlt uns diese innere Stille oft, um auf Gottes Wort zu hören. Manchmal habe ich sogar die Befürchtung, dass ich etwas verpassen könnte, wenn ich mich dazu entschließe, der Ruhe und Stille den Vorzug zu geben.In unserer Zeit sind ja alle so arbeitsam und eher hektisch unterwegs. Kein Termin darf abgesagt werden, eher kommen noch einige dazu. Und selbst in der Freizeit ist man erreichbar und alles andere wird zur Nebensache: Freunde Familie, die persönliche Erholung.

Auch Jochen Klepper hat sich manchmal selbstkritisch gefragt,ob er denn nicht weltfremd sei, wenn er sich so intensiv auf das Wort der Bibel einlässt. Davon berichtet ein Tagebucheintrag, den er eine Woche nach dem Schreiben des Morgenliedes eg452 gemacht hat, am20.4.1938:

“Wie oft fürchtete ich, dass ich der Bibel jeden Tag mehr zugestehe, als ich verantworten kann. Und nun sehe ich beglückt, wie man an mehreren Stellen zugleich gerade nach meiner Bibelarbeit fragt:das ist das Schönste, das mir im Beruf begegnete!”

Es war also richtig, was er eine Woche zuvor gedichtet hatte.Die Verheißung der Bibel hat sich für ihn wieder einmal erfüllt und dies bringt er in der 3. Strophe zum Ausdruck.: “Ich werde nicht zuschanden, / wenn ich nur ihn vernehm.”

Jochen Klepper war ein Liebhaber des Wortes Gottes. Hier hat er Kraft und Mut für seinen oft beschwerlichen Alltag gefunden.Und diese Kraftquelle hat er nicht zuletzt durch seine Lieder vielen seiner Zeitgenossen erschlossen, die selbst mit Ängsten und Sorgen belastet waren.

So schreibt zum Beispiel gegen Ende des Jahres 1939 eine Frau an Klepper:

“Lieber Herr Klepper, verzeihen Sie, dass ich nicht schreiben kann: ‚Sehr geehrter – -‘, obwohl ich Sie gar nicht kenne; ich lebe aber seit einem Jahr so stark mit “Ihren Gedichten”, dass ich es Ihnen einmal sagen muss. “Die Lieder” geben in den schlichten Worten Unendliches, Unausschöpfbares her an innerem ‚Wissen’, an Leiderfahrung, an Gebetserfahrung, an Zur-Ruhe-Kommen nach großen Schmerzen.Ihre Worte gehen so tief, so sehr ins schonungslose Leid, in Qual und Heimweh des Herzens, dass ich manchmal fragen muss, kann das alles wirklich ein Mann geschrieben haben? Bitte missverstehen Sie mich nicht! Nicht dass ich meine, ein Mann könne nicht so tief fühlen wie eine Frau. Nein, das andere: Kann ein Mann wirklich so zutiefst demütig sein und zugleich so frei? Das hilft so wunderbar.”

Wir singen die 4. Strophe eg 452

Er ist mir täglich nahe / und spricht mich selbst gerecht.Was ich von ihm empfahe, / gibt sonst kein Herr dem Knecht.Wie wohl hat’s hier der Sklave, / der Herr hält sich bereit,dass er ihn aus dem Schlafe / zu seinem Dienst geleit.

Vielleicht stolperte gerade mancher darüber, dass in dieser Strophe vom “Knecht” die Rede ist, ja sogar vom “Sklaven”. Sprachlich hat das damit zu tun, dass Klepper sich mit dem Schcksal des alttestamentlichen Gottesknechtes identifizierte. Auch Klepper wusste sich von Gott gerufen und beauftragt, in der trostlosen Zeit des Nationalsozialismus Gottes Wahrheit zu verkünden.

Mit den Worten des Gottesknechtes Jesajahat Klepper sein Morgenlied gedichtet. UndKlepper ist sich sicher, dass es selbst dem Knecht und dem Sklavenbei Gott gut geht.

Wir singen die 5. Strophe

Er will mich früh umhüllen / mit seinem Wort und Licht, verheißen und erfüllen, / damit mir nichts gebricht;will vollen Lohn mir zahlen, / fragt nicht, ob ich versag.Sein Wort will helle strahlen, / wie dunkel auch der Tag.

Liebe Gemeinde,

wie sind Sie heute Morgen aus dem Bett gekommen habe ich eingangs der Predigt gefragt? Vielleicht haben Sie sich gefreut auf diesen Tag, vielleicht waren Sie mit Sorgen beladen oder bedrückt wegen der weltpolitischen Lage. Bei allem Schönen und auch bei allem Schweren können wir gewiss sein: Gott ist uns nah. Er spricht zu uns Worte des Friedens und der Ermutigung. Und wir sind dazu eingeladen, diesen Tag und jeden weiteren neu aus Gottes treuer Hand zu empfangen. Wir sind nicht allein.

Manche fragen sich trotzdem: Muss Gott nicht mehr tun als barmherzig zu sein und nah? Meine Antwort: Es ist ja noch etwas anderes geschehen. Für uns und zu unserem Heil wurde Gott ein Mensch, er lebte mit uns, starb wie wir und sprach uns zu, dass seine Auferstehung auch für uns gelten wird. Und daran erinnern wir uns heute genau auf der Mitte zwischen dem letzten und dem nächsten Osterfest.

Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen