Wort für den Tag

(La traduction en français: derrière le texte allemand)

Matthäus 11, 25-30 E/A, 2026-06-14, 4.Trinitatis 2026

„Ich traf einen jungen Mann:  kerngesund, sportlich, modisch gekleidet, elegant, lässig, Sportwagen“. Fast beiläufig fragte ich, wie er sich fühle: Was für ’ne Frage, sagte er, beschissen! Ein wenig verlegen, fragte ich eine schwerbehinderte Frau in ihrem Rollstuhl, wie es ihr gehe: Gut, sagte sie, es geht mir gut. Da sieht man wieder, dachte ich bei mir, immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid.“

Dieser Text von Lothar Zenetti, stellt die üblichen Erwartungen auf den Kopf. Wie ist es möglich, dass jemand, der ganz offensichtlich mit großen Einschränkungen zu leben hat, sagen kann, es gehe ihm gut, und ein anderer, der nach weltlichen Maßstäben auf der Sonnenseite des Lebens steht, antwortet, dass er sich hundsmiserabel fühle?

Im Predigttext liegt eine Antwort. Vielleicht hören wir eine Einladung. Ungewohnte Worte, die bewegen, Worte, denen Kraft innewohnt, Worte, die verändern. Worte, die Mut machen, neue Wege zu gehen und dabei etwas zu entdecken, etwas, das mich sagen lässt – trotz allem:  Ja, es geht mir gut.

Wir hören Worte aus dem Matthäusevangelium:

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohl gefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Wir Mühseligen und Beladenen sind eingeladen: „Kommt her zu mir!“ Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid!

Was für wunderbare Worte! Wegen dieser großen Weite, die ihnen eigen ist. Kommt zu mir!

Ich sehe geöffnete Arme, in die ich einfach hineinlaufen kann, wenn ich Trost suche, Angst habe, Geborgenheit suche, die Umarmung not tut, einfach mich jemandem anvertraue, einen Blick austausche, mir Verständnis zunicke.

In unserem Text spricht Jesus diese Einladung aus und richtet sie an alle. Er weiß: Es gibt kein Leben ohne Mühe, ohne Sorge, ohne Last. Das gehört zur menschlichen Existenz. Jesu Ruf ist ein Ruf in die Konkretion unseres Lebens.

Er zielt auf den Alltag mit all seinen Fragen, Anfechtungen und Nöten.

Er meint mein Suchen nach Anerkennung und Erfolg, nach Sinn und Glück, nach einem Lebensentwurf, mit dem ich mich wohl fühle.

Wir seufzen, stöhnen, schleppen uns ab mit all den Belastungen unseres Strebens nach erfülltem Leben. Wir leiden unter Idealen und Ansprüchen, die wir an uns selbst stellen. Wir wollen stark sein, funktionieren, für andere da sein, niemandem zur Last fallen.

Das Leben bietet so viele Möglichkeiten, aber auch das Suchen, das Ausprobieren, das Abwägen, was für mich das Richtige ist, kann anstrengend sein! Nichts auslassen, nichts verpassen, dabei sein, mitmachen, jede Chance ergreifen, den richtigen Moment erkennen und nutzen. Die Mühseligen und Beladenen, das sind dem griechischen Wortlaut nach – und unser Text kommt aus dem Griechischen – das sind diejenigen, die sich bis zur Erschöpfung abmühen und sehr belastet sind. Das sind diejenigen, die das Gute wollen und doch um die Begrenztheit der Möglichkeiten und des Lebens wissen.

Wir sind angewiesen. Angewiesen auf Ent-lastung, auf Befreiung, auf Heilung.

Und die Einladung kommt! Heute hören wir sie: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Erquicken: Das klingt nach etwas Frischem, Belebendem, wie eine kalte Dusche oder ein kühles Getränk an heißen Tagen. Ich will euch erquicken! das klingt einladend und verheißungsvoll.

„Nehmt auf euch mein Joch“

Wer jetzt denkt, dass Jesus Lasten abnimmt, der wird enttäuscht. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, so wirbt Jesus um die geplagten Menschen.

Das Joch – Beim Joch denken wir schnell an Unterjochung, an Unterdrückung.

Der Begriff stammt aus einer Zeit, als Menschen und Tiere noch körperlich schwer arbeiten mussten und das Joch ein ent-lastendes Hilfsmittel war. Fachgerecht auf die Schultern von Mensch oder Tier gelegt, half es, das drückende Gewicht zu verteilen. In vielen Regionen der Welt müssen Menschen, das Wasser kilometerweit tragen. Mithilfe einer gebogenen Stange geschieht das, an deren Enden die Wassereimer hängen. Das Joch ist also etwas, was mir das Tragen der Last zwar nicht abnimmt, aber es mir ermöglicht, diese Last überhaupt zu tragen.

Ein Joch tragen will gelernt sein. Lernt von mir, sagt Jesus. Lernt von mir, dass Gott da ist, mitträgt und hindurchträgt.

Ich denke daran, wie vielen Menschen Jesu Lasten erleichtert, ihnen zu einem aufrechten Gang verholfen hat: Frauen, die nur als Menschen zweiter Klasse angesehen wurden, verlieh er Würde. Kindern begegnet er mit Wertschätzung. Ausgegrenzte finden mit seiner Hilfe zurück in die Gesellschaft. Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Sanftmut hilft uns, nicht zu verbittern.

Das können wir von Jesus lernen: demütig sein, das heißt, meinen Platz in dieser Welt erkennen, meine eigenen Grenzen erkennen, vertrauen, dass ich Teil von etwas viel Größerem bin.

Demut in Beziehung zu Gott lässt mich Last und Mühsal nicht leugnen und bewahrt mir dennoch meine Würde. Das macht mich selbstbewusst und stark. Das hilft mir, meine Last zu tragen. Gott schenkt mir einen anderen Blick auf mich und mein Leben.

Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich sieht und mein Leben getragen ist von seinem liebenden „Ja“.

Ich trage anders. Und wenn ich weiß: Gott sieht mich. Dann bedeutet Ruhe: mit Gott im Einklang. Nicht unmündig und abhängig, sondern aufgerichtet und angesehen.

Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht, sagt Jesus. Ohne Joch scheint es nicht zu gehen. Last und Mühe gehören grundsätzlich zur menschlichen Existenz dazu. „Komm her zu mir!“, dazu lädt Jesus uns ein. Wir sind der Einladung gefolgt, wir sind gekommen, mit all dem, was Sie bewegt.

Und genau darum geht es: mit allem, was uns Gedanken macht, was uns belastet und beunruhigt, wo wir nicht sicher sind, was das Richtige ist.

Wie wir das tun und wo, das kann ganz unterschiedlich sein. Bei einem Spaziergang oder im stillen Gebet kurz vor dem Einschlafen, im Gottesdienst so wie heute beim Nationalfeiertag der uns ahnen lässt, dass es mehr gibt als das, was wir mit unseren Augen sehen und mit unserem Verstand denken können.

Wir sind eingeladen: zu jeder Zeit und an jedem Ort. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns sieht und mit uns unterwegs ist auf unseren Wegen.

AMEN