(La traduction en français suit le texte allemand)
Erntedankfest (11.10.2026)
Markus 8,1–9, Die Speisung der viertausend
1 In jenen Tagen ist wieder viel Volk da und sie haben nichts zu essen. Da ruft er die Jünger herbei und sagt zu ihnen: 2 Das Volk tut mir leid, denn drei Tage sind sie schon bei mir und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig nach Hause gehen lasse, werden sie unterwegs zusammenbrechen, einige von ihnen sind ja von weit hergekommen. 4 Und seine Jünger antworteten ihm: Wie sollte einer diese Leute mit Brot satt machen können hier in der Einöde? 5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sagten: Sieben. 6 Da fordert er das Volk auf, sich zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach sie und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen, und die verteilten sie unter das Volk. 7 Sie hatten auch ein paar Fische, und er sprach den Lobpreis über sie und liess auch diese verteilen. 8 Und sie assen und wurden satt. Und sie sammelten die übrig gebliebenen Brocken, sieben Körbe voll. 9 Viertausend waren es gewesen. Und er entliess sie.
Im Frühjahr 1974 erlebten die Ladenbesitzer in dem kleinen Ort auf Spiekeroog eine Überraschung. Es war Mai und die Saison an der Nordsee nahm langsam nach Ostern Fahrt auf. Eine Gruppe aus Bethel war eingetroffen: junge Menschen mit Epilepsie und Behinderungen, begleitet von zwei Diakonissen in Tracht und Haube. Das allein war für die Insulaner nichts Besonderes. Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel hatten schon 1894 die ersten Seehospize gebaut und damit den Tourismus auf die Insel geholt. Diakonissen in Tracht gehörten zum Straßenbild. Man kannte sich seit Jahren. Jetzt aber gingen Schwester Erika und Schwester Elisabeth in alle Geschäfte, denn sie wollten nicht mehr nur als Gruppe unterwegs sein, quasi händchenhaltend in Zweierreihen. Ihre „Leute“, wie sie liebevoll sagten, sollten selbstständig werden. Und so erklärten sie in den Läden, welche Besonderheiten die Menschen mitbrachten, wie viel Geld sie ausgeben konnten und was bei einem epileptischen Anfall zu tun war. Der Inselarzt wusste auch Bescheid.
Heute feiern wir Erntedankfest. Längst ist die Ernte von den Feldern eingebracht, längst produzieren wir eine Menge Lebensmittel in Fabriken. Dankbar denken wir daran, wie viel wir haben. Für eine Mahlzeit müssen wir keine Brocken mehr sammeln, müssen nicht hungrig vom Tisch aufstehen. Und wenn wir einmal Nahrungsmittel für 4000 Menschen sehen möchten, gehen wir einfach zu Edeka, Lidl oder Aldi.
Vielleicht hätte uns die Geschichte von der Speisung der 4000 gar nicht so beeindruckt wie die Menschen damals. Vielleicht hätten wir sie nicht einmal weitererzählt. Aber auch damals, vor 2000 Jahren, waren die Menschen nicht wegen des Essens zu Jesus gekommen. Da draußen in der Einsamkeit, da wollten sie Gottes Nähe spüren und von Gottes neuem Reich hören. Niemand konnte davon besser erzählen als dieser Jesus. Gottes Reich – Frieden für alle und Gerechtigkeit! Das hatten sie gefunden, dafür waren sie geblieben, auch als der Hunger zu nagen begann. Diese Erfahrung war die Ernte, die sie mit nach Hause trugen.
Damals, in den siebziger Jahren, begann ein neues Denken. Die Medizin hatte große Fortschritte gemacht. Menschen mit Behinderungen nannten jetzt ihre Wünsche und machten sich Gedanken über ihr Leben in der Gesellschaft. In dem Seehospital wurde erstmals ein Frühstücksbuffet aufgebaut. Und Menschen, denen noch das Frühstücksbrot fertig geschmiert und klein geschnitten auf den Teller gelegt wurde, probierten aus, was da sonst noch dazugehört. Es war eine Zeit voll neuer Ideen. Menschen mit Einschränkungen als selbstverständlicher Teil in der Gesellschaft – dieses Ziel wurde damals ins Auge genommen. Teilhabe nennt man das heute.
Heute, am Erntedankfest, dürfen wir dankbar sein. Dankbar dafür, dass so viele Menschen mit Krankheiten und Einschränkungen heute ein gutes Leben führen und alt werden dürfen. Dass digitale Mittel immer mehr Menschen helfen, ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. Dass so viele Menschen professionelle Unterstützung erfahren in der Pflege, in der Pädagogik und in der sozialen Arbeit.
Wir dürfen dankbar sein.
Dennoch denken wir voll Sorge an die Zukunft. In Amerika ist Donald Trump Präsident geworden, und als erstes kürzte er die Gelder für kranke und behinderte Menschen. Auch in Deutschland erhalten rechte Parteien wie die AfD immer größere Zustimmung. Voller Sorge schauen wir in der Diakonie auf diese Entwicklung. Im rechten Weltbild wird nicht geteilt. Da sind Fisch und Brot nicht für alle da. Wer gesund ist, stark und reich, nimmt sich, was er möchte. Die anderen müssen schauen, was überbleibt.
Heute am Erntedankfest ist Grund zur Freude über alles, was erreicht wurde. Aber auch Grund zur Sorge. Auch heute müssen wir Ausschau halten nach denen, die nicht genug bekommen. Die, wenn man sie allein lässt, vielleicht auf dem Heimweg unter die Räder kommen könnten.
Es war auch damals, vor 2000 Jahren, nicht leicht. Das 8. Kapitel im Markusevangelium beginnt so harmonisch, mit jener Auszeit am See Genezareth, dort, wo die Menschen zusammensaßen, aßen und satt wurden, dort, wo sie Gottes Nähe und den Beginn seines Reiches spürten. Schon im nächsten Kapitel ist Jesus zurück in den Städten und gleich gibt es Ärger. Die Pharisäer, wichtige jüdische Theologen, waren mit den Lehren Jesu nicht einverstanden. Schmerzvoll begann Jesus zu verstehen, dass er nicht alle jüdischen Menschen für seine neuen Ideen begeistern konnte. Der Widerstand wuchs; er begann zu ahnen, wohin ihn sein Weg führen würde. Am Ende des achten Kapitels kündigt Jesus zum ersten Mal seinen Weg in Leid und Tod an.
Eigene Ressourcen nutzen. Die Jünger sind überfordert. Sie sagen: „Wie soll das gehen, dass die Menschen hier in der Einöde satt werden? Wir haben nur sieben Brote.“ Und in dieser Zahl „sieben“ schwingt alles höfliche Bedauern und alle ratlose Resignation mit, zu der die Jünger gerade fähig sind.
Jesus aber arbeitet mit ihren wenigen Ressourcen, den sieben Broten und paar Fischen. Die US-amerikanische Bischöfin Mariann Budde, die für ihre kritische Predigt zur Amtseinführung von Donald Trump 2025 berühmt wurde, schrieb: „Ich lebe mein ganzes Leben in dieser wundersamen Brotvermehrung. Fast jede Predigt, die ich halte, ist für mein Gefühl unvollständig und unangemessen, aber ich halte sie trotzdem und bitte Jesus, er möge die Lücken füllen.
Meine Führung ist oft unvollkommen und unzureichend, aber ich führe, so gut ich kann und warte, dass Jesus in die Bresche springt. Das Geld, dass ich spende, besonders bei akutem menschlichem Leid, reicht nie aus, aber ich spende trotzdem und hoffe, dass ich gemeinsam mit anderen manchen Schmerz lindern kann. Das Bild von ein paar Laiben Brot und ein paar Fischen, die eine Menge satt machen, soll uns alle ermuntern, zu geben, was wir haben, obwohl wir wissen, dass es nicht ausreicht. Aus Gründen, die unser Verständnis übersteigen, entscheidet sich Gott wieder und wieder, genau damit zu arbeiten.“
Wann immer Gott in der Bibel Menschen auffordert, etwas zu tun, fühlen sie sich überfordert und unvorbereitet. Das ist normal und menschlich. An den Aufgaben zu wachsen, heißt zu Beginn erst einmal: zu wissen, dass wir mit unseren Fähigkeiten an unsere Grenzen stoßen und nie alles tun können, was nötig ist. Jesus aber fordert die Jünger auf, einfach einmal anzufangen mit dem, was sie haben: und wenn es nur sieben Brote sind und wenige Fische.
Jenes Erntedankfest mit Brot und Fisch für alle zu Beginn des Kapitels war nur eine Momentaufnahme. Ein Teil der Menschen, die da saßen und aßen, würden sich wieder von Jesus abwenden. Gottes Reich mit Frieden und Gerechtigkeit für alle – wir warten immer noch darauf. Jesus aber trug dieses Reich in sich. Die Unvollkommenheit, die Enttäuschung darüber, dass Gottes Reich auf dieser Welt keine Heimat hat, die nahm er auf sich.
Auch das Leid der Menschen mit Behinderung, die keinen Platz in der Gesellschaft finden, das Leid aller Menschen, die am Unfrieden dieser Zeit zerbrechen – er nahm es mit.
Bei ihm war beides: die Freude und die Dankbarkeit des Erntedankfestes am See und die Traurigkeit und das Leid derer, die das Nötige nicht bekommen haben. Er trug beides mit sich auf seinem Weg ans Kreuz. Er trug es durch den Tod hindurch in ein neues Leben bei Gott.
Und genau diese beiden Dinge sind zu unserer Stärke geworden: Dankbarkeit für das, was wir erreicht haben, für das, was wir geschenkt bekommen haben.
Und Sehnsucht nach dem vollkommenen Reich Gottes, in dem alle zu essen haben, in dem alle dazugehören. Sehnsucht und Dankbarkeit geben uns die Kraft, immer wieder für Frieden und Gerechtigkeit einzustehen.
Am Ende der Geschichte steht ein Fest. Tausende von Frauen, Kindern und Männern sitzen in Gruppen zusammen wie Gartenbeete. Ein großes Picknick mit Lachen, Plaudern, Diskussionen, Liedern, umher rennenden Kindern. Das gemeinsame Mahl vertreibt für den Tag die Einsamkeit, aus manchen Fremden werden gute Bekannte. Kein Wunder, dass dies eine der Lieblingsgeschichten der ersten Christen war!
Tausende werden satt, und sie werden überrascht von einer Gemeinschaft, mit der sie am Morgen an dem kargen, tristen Ort nicht gerechnet haben. Eine Geschichte und eine Erfahrung, zum Wundern schön.
Neue Ideen zu suchen, die in die heutige Zeit passen. Jesus, der das Reich Gottes voller Frieden und Gerechtigkeit in sich trägt, geht uns voraus.
AMEN
