Wort für den Tag

(La traduction en français suit le texte allemand)

10. Sonntag nach Trinitatis, E/A, 09.08.2026
Römer 11,25–32


Grün oder violett? Erinnerung an den grünen Lebensstrom oder an Unrecht, Leid und Tod? Das Antependium – der Vorhang vor dem Abendmahlstisch -verrät das Thema des heutigen Sonntags.

Der heutige Sonntag ist dem Gedenken an die jüdische Mutterreligion gewidmet – grün – so wie die Farbe „violett“ an die Zerstörung des Jüdischen Tempels durch die Römer erinnern will.

Beides gehört zum Erinnern und Gedenken. Der heutige Predigttext ist dem grünen Bereich zugeordnet: den Wurzeln, dem Ursprung.

Eltern-Kinder-Verhältnisse sind nicht immer konfliktfrei und einfach, das gilt auch für Religionen. Wir haben dazu Worte des Apostels Paulus gehört, eine Deutung von vor fast 2000 Jahren in der reformatorischen Übertragung von vor 500 Jahren – der Zeit Luthers und Zwinglis.

Paulus war kein Theoretiker, sondern Praktiker; auch wenn er die Gemeinde in Rom nicht kannte, hatte er doch konkrete Menschen in konkreten Situationen vor Augen. Da hatten Menschen aus dem hellenistischen Kulturkreis sich nicht mehr den staatstragenden griechischen Göttern beugen wollen, – sondern den Weisungen eines Menschen aus einer aufständischen Provinz Gehör geschenkt, – sich von der Tora-Auslegung des Juden Jesus und von der Begeisterung des Pharisäers Paulus und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anstecken lassen. Und Anhängerinnen und Anhänger der Jesusbewegung, Jüdinnen und Juden, hatten diese Fremden, die auch Bürger einer fremden, unterjochenden Macht waren, bereitwillig aufgenommen.

So entstand eine eigene Gemeinde in Rom. Aber, so sorgt sich der Jude Paulus, es gibt eben auch Angehörige seines Volks, die so gar nichts mit der Lehre von und über Jesus anfangen können.

Sie stehen der römischen Christengemeinde feindlich gegenüber. Wie kann das sein – als die von Gott Erwählten und Berufenen? Gilt die Erwählung denn noch? Ist mit der christlichen Geschwisterschaft nicht etwas Neues entstanden, ein neuer Bund, eine neue Berufung?


Hier löst sich diese Frage aus dem geschichtlichen Kontext:
„Die Christenheit“, „die Kirche“ – ob es Gott nicht auch ab und an bereut hat?

Kennen wir dies auch aus anderen Kontexten: Da träumen, denken, arbeiten Menschen gemeinsam, damit etwas gut wird für Gerechtigkeit, Frieden, die Mitwelt? Sei es für neue Nutzungsmöglichkeiten des Gemeindehauses?

Sie begegnen mutig allen Widerständen, und dann, ausgerechnet in den eigenen Reihen sind da einige, die sich widersetzen, die nicht mitmachen wollen, sogar verleumderisch und beleidigend werden, stur sind, unbelehrbar.

So reden und deuten Menschen, und so hat Martin Luther Paulus übersetzt: Einige sind verstockt – holzig, borkig, unbeweglich. Da bewegt sich nichts mehr.

Das klingt nach unbelehrbar sein, nicht mehr erreichbar.

Wenn wir auf das griechische Wort schauen, das Paulus dafür gebraucht, kann das auch heißen: verhärtet, gefühllos.

Dies geschieht im Lauf der Zeit, dass auch das gut Gedachte vernarbte Stellen aufweist, Hornhaut bildet. Verhärtung entspringt der Verletztheit. Sie ist allzu menschlich, zur Zeit des Paulus, in Religionsgemeinschaften, in der Kirche, in der Gesellschaft, im eigenen Leben.

Und sie fällt umso mehr auf, je mehr auf dem Spiel steht, noch dazu, wenn es um Vorbilder, „Erwählte“ geht.

„Erwählung“ – was bedeutet uns das Wort angesichts so vieler aus religiöser oder nicht-religiöser Überzeugung?

„Auserwählung“ ist in unserem menschlichen Verständnis immer exklusiv. Wie ja auch das Wunder exklusiv ist, da es wenige heilt und rettet und viele vergeblich bitten, flehen, schreien und hoffen. Deshalb ist sie des Zweifels liebstes Kind.

Aber es wäre kein Wunder, sondern eben nur Glück gehabt, wenn es nicht über seine einmalige Wirkung hinaus doch eine Schneise der Hoffnung bereitet für die, denen es eben nicht widerfährt – nicht widerfahren wird.

Das ist die Logik Gottes, die Paulus ein „Geheimnis“, ein „Mysterium“ nennt, weil sie sich menschlicher Schlussfolgerung entzieht.

So ist „Erwählung“ ein Herausheben, aber nicht Abheben.

In unserem allzu menschlichen Verständnis trennt Auserwählung in „wir“ und „die“. Gott ist anders, sagt Paulus. Erwählung ist Erwählung da, wo sie eben nicht ausschließt, sondern in mehr Lebensfülle führt.

Das ist dem Apostel wichtig: Ob erwählt oder nicht, ob hart oder geschmeidig – allen ist Fülle zugesagt. Pleroma heißt das im griechischen Urtext und bedeutet so viel mehr als Reichtum: Erfüllung, kosmische Vollendung.

„Erwählung“ ist keine Lizenz, kein Vorrecht, keine Glücksverheißung, kein Gütesiegel. Sie schließt alles Menschliche und auch menschliche Makel mit ein, ihre Bestimmung, ihr Ziel ist Erfüllung für alle. Dazu hat Gott Spuren gelegt, in der Natur, in Menschenherzen, in vielen Religionen. Und in den Schriften und Überlieferungen der jüdischen Religion, in der Tora hat er sich als ein Gott der Gerechtigkeit, Sanftmut und Barmherzigkeit offenbart. Jesus hat dies mit seinem ganzen Leben bezeugt. Auch wenn sich Geister an ihm scheiden, seine Botschaft ist die Fülle, nicht das Verschließen.


Hat die Gemeinde in Rom Paulus verstanden? Haben wir es als Kirche verstanden?

Erwählung schützt vor Irrtum und Verfehlung nicht. Verstockung, Verhärtung, Empfindungslosigkeit, sie haben sich im Lauf der Geschichte entwickelt, vermehrt, den Lebensstrom gehemmt oder Leben sogar zerstört.

Die Einladung, in den grünen Lebensstrom zu tauchen, gilt Israel, der Kirche, Menschen jeder Religion. Wohin er fließt, wo er mündet, das ist ein Geheimnis, sagt Paulus.

Wir müssen es nicht verstehen, denn Gott reut die Zusage der Fülle und Vollendung nicht.

Das gibt uns Hoffnung. Auch wenn wir Menschen oft unvollkommen sind, ruft Gott uns zur Wahrheit auf. Ehrlichkeit ist eine Antwort auf Gottes Gnade.

Paulus ermuntert uns, auf die Treue Gottes zu vertrauen, auch wenn wir vieles nicht verstehen und vieles geheimnisvoll erscheint.

Leben wir ehrlich und transparent, auch wenn es unbequem ist. Fordern wir Wahrheit und Offenheit, besonders dort, wo sie Grundlage für Gemeinschaft und Gerechtigkeit ist. Setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, in der Wahrheit und Vertrauen wachsen können. Eine Gesellschaft, in der kein falsch Zeugnis wider einen anderen abgelegt wird. Erinnern wir uns an die Barmherzigkeit Gottes und handeln wir mit Barmherzigkeit gegenüber uns und anderen.

AMEN